Der Gemsjäger
Ein kühner Gemsenjäger hatte gehört, dass getrunkenes Gemsenblut schwindelfrei mache. Einst schoss er eine an, die aus Mutterliebe bei ihrem schwachen Jungen zurückgeblieben war, als die Herde vor dem Jäger floh. Er legte den Mund an die Wunde des noch lebenden Tieres und trank das warme Blut. Fortan hatte er keine Ruhe mehr im Tale, es zog ihn mächtig auf die höchsten Gipfel. Auf einem solchen setzte er einmal einer Gemse nach, die, wie ihn verlockend, immer weiter und auf gefährlichere Stellen sprang. Am Rande eines steilen Abgrundes prallte die Gemse wie zürnend an den Jäger, ein lauter Schrei des Mannes und beide stürzten in die Tiefe. Es war das Junge jener Gemse, deren Blut der Jäger getrunken.
Aus: U. Brunold-Bigler, Die Sagensammlung der Nina Camenisch, Disentis 1987, mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.