Das Nebelmännlein
Auf der Stutzalp in Bünden ist jeder Senn darauf bedacht, dass jede Kuh ihren Teil Salz bekommt, denn es kommt ihnen immer das wunderbare Nebelmännlein in den Sinn, das dort öfter erscheint. Man sieht es besonders, wenn dunkle Regenwolken über der Alp schweben. Es trägt einen Hut mit breitem Rande, Holzschuhe, eine weisse Jacke, und ist mit einer Tasche umgetan. Das Männlein streckt den Kühen lockend seine Hand hin, und wenn keine Kuh von seinem Salz leckt, so geht es trauernd von dannen. So laut es auch rufen mag, niemals hört ihn das Vieh.
Die Hirten erzählen: Das Nebelmännlein sei bei Lebzeiten ein ungerechter Hirt gewesen, der habe einigen Kühen das Salz entzogen und andern umso mehr gegeben. Zur Strafe dafür muss er nun durch die Triften schweifen, besonders bei trübem Wetter, und zwar so lange, bis das Vieh seinen Ruf vernimmt, und er das Unrecht wieder gut gemacht hat.
Quelle: Theodor Vernaleken, Alpensagen - Volksüberlieferungen aus der Schweiz, aus Vorarlberg, Kärnten, Steiermark, Salzburg, Ober- und Niederösterreich, Wien 1858.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung www.maerchenstiftung.ch