Der Zauberwolf
In Obervaz tat ein Wolf lange Zeit grossen Schaden unter den Schafen. Man machte oft Jagd auf ihn, aber es gelang nie, ihn zu erlegen. Dabei war der Wolf gar nicht so scheu wie andere Wölfe, sondern näherte sich ohne Furcht und kam sogar öfters bis in das Dorf an die Brunnen und lappte Wasser und merkwürdigerweise nicht aus dem Brunnentrog, sondern vom Rohr weg.
Die besten Jäger versuchten hier ihre Kunst umsonst. Da kam ein Tiroler-Schleifer in das Dorf, dem klagte man die Not und er sagte, er wolle ihnen ein Mittel angeben, den Wolf zu erlegen. Sie sollen ein Brett von einem halbverfaulten Totensarg nehmen, in welchem ein Loch von einem Aste sei und sollen durch dieses Loch auf den Wolf schiessen. Man befolgte den Rat und als der Wolf wieder zum Brunnen kam um Wasser zu lappen, schoss man auf solche Weise nach ihm und der Wolf fiel tot nieder, aber siehe da, es war kein Wolf mehr, sondern einer der Kapuziner des Dorfes in seiner Kutte mit seinem schwarzen Barte.
Quelle: Theodor Vernaleken, Alpensagen - Volksüberlieferungen aus der Schweiz, aus Vorarlberg, Kärnten, Steiermark, Salzburg, Ober- und Niederösterreich, Wien 1858.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung www.maerchenstiftung.ch