Das verwünschte Hirtenmädchen
Am nördlichen Absturze des Titlis erblickt man über dem sogenannten Hochpfad eine Felsplatte, die Jungfrauenhöhle genannt, von der folgende Sage geht:
Ein reicher Hirt verwünschte seine einzige, sehr schöne Tochter in das hinterste Gewölbe dieser furchtbaren Kluft, weil sie sich in einen Jüngling verliebt hatte den er hasste. Hier lebt, ohne zu altern, schon Jahrhunderte lang das unglückliche Mädchen, im Genusse der köstlichsten Speisen und im Besitze unermesslicher Reichtümer, aber ganz vom Tageslichte und dem Umgange mit menschlichen Wesen abgeschlossen. Nach des Vaters Verordnung wird nämlich der Eingang zur Höhle von einem grimmigen Drachen bewacht, der nur dann sich zurückzieht, wenn ein frommer Jüngling sich nahet, dem in seinem Leben nie etwas Schlimmes zu Sinn gekommen.
Schon mancher junge Engelberger hat voll Hoffnung den Hochpfad erklommen, aber noch keinem ist es gelungen, das schöne Mädchen als Braut aus der Höhle zu führen.
Quelle: Theodor Vernaleken, Alpensagen - Volksüberlieferungen aus der Schweiz, aus Vorarlberg, Kärnten, Steiermark, Salzburg, Ober- und Niederösterreich, Wien 1858.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung www.maerchenstiftung.ch