Feurige Geiss
Auf der Kreuzweide oder Kreuzmatt beim Dorfe Muri läßt sich in den Wässermatten nebst manchem feurigen Manne besonders eine feurige Ziege sehen. Sie läuft bei Nacht dem Vorbeigehenden viele Schritte nach, ohne alle schlimmen Folgen für ihn.
Im Dorfe Oberhofen, seeaufwärts am linken Ufer des Thunersees gelegen, ist das Dorftier eine riesengroße Zottelgeiß, an welcher ihr junges Zicklein fortwährend im Laufe emporspringt. Sie ist schneeweiß und schleppt ihre wallenden Zottelhaare am Boden nach. „Als ich noch ein Nachtbube war“, erzählt ein Greis aus jenem Dorfe, „ging ich mit meinen Gespanen einmal Nachts auf die Lauer. Und wirklich sahen mehrere von uns, als eben der Mond durch die Wolken brach — die ungeheure Gestalt dieser Geiß wie einen Schneeberg querüber sich durchs Tal schieben.“
Band 3.1, Quelle: Ernst L. Rochholz, Naturmythen, Neue Schweizer Sagen, Leipzig 1962, S. 88 - 89
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung www.maerchenstiftung.ch