Die Diale von Guarda
In Guarda lebte ein Mann mit seiner Frau in Unfrieden und als er auf seiner Bergwiese sein Heu aufladen sollte, um es nach Hause zu führen, hatte er niemand, der ihm dabei Hülfe leistete, denn seine zänkische Frau wollte ihm nicht.
Da erschien eine Diale und half ihm sein Fuder laden. Er hielt sie für ein gewöhnliches Weib. Als sie aber auf dem Fuder stand, bemerkte er ihre Ziegenfüsse und dachte bei sich selbst, nun sei er übel daran, der Teufel stehe auf seinem Fuder. Die Diale fragte ihn nach seinem Namen; er dachte, dem Teufel wolle er seinen Namen nicht sagen und antwortete: Ich heisse „ich selbst". Und als das Fuder geladen war, stach der Mann der Diale die eiserne Heugabel durch den Leib, in der Meinung, es sei der Teufel, und fuhr dann rasch davon.
Die Diale liess einen durchdringenden Schmerzenston hören und bald sammelte sich eine grosse, unabsehbare Menge Dialen um sie herum und fragten: „Wer hat das getan?“ Sie gab sterbend zur Antwort: „Ich selbst". Da sagten die andern: „Was man selbst tut, geniesst man selbst."
Seit dieser Zeit aber wurden in Wald und Feld keine Dialen mehr gesehen und nunmehr sind sie längst spurlos verschwunden.
Theodor Vernaleken: Alpensagen - Volksüberlieferungen aus der Schweiz, aus Vorarlberg, Kärnten, Steiermark, Salzburg, Ober- und Niederösterreich, Wien 1858
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.