Das Gespenstertier
In Bern herrscht seit langer Zeit der Glaube an das so genannte Schaaltier. Vor etwa 50 oder mehr Jahren lebte in der Stadt ein Metzger, der die Tiere, die er schlachtete, zuerst aufs Grausamste quälte. Einst soll er z. B. einem Kalbe die Haut lebendig abgezogen, es dann an die Sonne aufgehängt haben, und es so jämmerlich umkommen lassen. Nun soll seine abgeschiedene Seele nimmer Ruhe finden; sie irrt nachts in der Gestalt eines grauenvollen Tieres in der Stadt und besonders in der Gegend des Schlachthauses umher, und erfüllt mit seinem Geheul die vom Schlafe Aufgeschreckten mit Schrecken und Grauen. Nach der Aussage vieler Leute, die es gehört haben wollen, soll es ein so abscheuliches Geschrei sein, dass man mit demselben nichts vergleichen könne, und es scheint als komme es von allen Seiten zugleich her. Besonders um die Weihnachtszeit soll es sein Wesen treiben.
Theodor Vernaleken: Alpensagen - Volksüberlieferungen aus der Schweiz, aus Vorarlberg, Kärnten, Steiermark, Salzburg, Ober- und Niederösterreich, Wien 1858
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.