Die weissen Tauben
Im alten Zürichkriege verteidigten sich Wildhans von Breiten-Landenberg und die kleine Zahl der getreuen Besatzung Greifensee vier Wochen lang gegen das Heer der belagernden Eidgenossen. Die Belagerten mussten sich endlich ergeben und es wurden 62 Mann enthauptet.
Nun erzählt die Sage folgendes: Es geschahen merkliche Wunderzeichen. Als man den Hauptmann köpfte, war da von Stund an ein wundersamer schneeweisser Vogel gleich einer schönen Taube. Als man nun den Kupferschmied auch enthauptete, der von Schwyz war und einen leiblichen Bruder im Heere hatte, da kam ein anderer Vogel gleich dem vorigen, und beide flogen ob der Walstatt herum. Und so mancher nun enthauptet wurde, so mancher weisse Vogel, dem ersten ähnlich, kam und flog um den Leichnam ob allem Volke. Man stellte dann die Häupter in einen Ring, eins an das andere, und da wohin man ein Haupt gestellt hatte, wächst noch heute kein Gras, und um die Kapelle herum sieht man, wo jegliches Haupt gestanden, während rings um die Stätte das schönste Gras wächst.
Da luden sie die Toten auf Karren und führten sie nach Uster, allwo sie begraben wurden.
Theodor Vernaleken: Alpensagen - Volksüberlieferungen aus der Schweiz, aus Vorarlberg, Kärnten, Steiermark, Salzburg, Ober- und Niederösterreich, Wien 1858
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.