Das Wildmannli
Auf der Südostseite der grossen Windgelle erhebt sich ein seltsamer Felsstock, der, in einiger Entfernung gesehen, einem aufrecht stehenden Manne gleicht.
Die Jäger nennen diesen Fels das Wildmannli, und sie erzählen, es habe einst in grauer Vorzeit ein wilder und frecher Jäger in dieser Gegend gelebt, der keinen Sonntag achtete und dem kein Feiertag heilig genug war, wenn es galt seiner unbändigen Jagdlust zu frönen. Einst trieb ihn seine Jagdliebe an einem hohen Feiertage auf die Windgelle, und als er auf der Stelle, wo jetzt der Felsstock steht, eben im Begriff stund einen wohlgezielten Schuss auf die flüchtige Gemse zu tun, so erreichte ihn die Strafe des Himmels und verwandelte ihn in diesen Stein.
So steht er nun seit Jahrhunderten zum warnenden Beispiele da.
Theodor Vernaleken: Alpensagen - Volksüberlieferungen aus der Schweiz, aus Vorarlberg, Kärnten, Steiermark, Salzburg, Ober- und Niederösterreich, Wien 1858
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.