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Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Freiherr von Weissenburg geht mit der Lecktasche um

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Kategorie: Sage

Freiherr von Weissenburg, welcher auf Anstiften seiner Frau durch einen österreichischen Ritter auf der Jagd erstochen wurde, hatte in seinem Vermächtnis hundert weisse Kühe und eine grosse Allmend für vierzehnhundert Kühe den Armen vermacht. Da nun Habsucht und Reichtum gewöhnlich Hand in Hand gehen, wollten die Reichen in Folge dieses Vermächtnisses auch alle arm sein und in der Tat brachten sie es wirklich auch dahin, dass ihnen der grösste Teil von dem Erbe, den Armen aber nur wenig zufiel.

Seit dieser Zeit geht ein Geist bei Nacht und oft auch bei Tag auf jener Allmend herum, der dem Vieh aus einer Lecktasche zu lecken gibt. Lecket das Vieh der Reichen, so wird es mager und stirbt; lecket aber das Vieh der Armen, so wird dasselbe fett, gedeiht und jede Krankheit bleibt ihm fern. Dieser Geist ist der alte Freiherr von Weissenburg, der die durch Verletzung seines letzten Willens begangene Ungerechtigkeit auf diese Art in eigener Person ausgleicht und bestraft.

C. Kohlrusch, Schweizerisches Sagenbuch. Nach mündlichen Überlieferungen, Chroniken und anderen gedruckten und handschriftlichen Quellen, Leipzig 1854.

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch