Was einem Stadtbürger Freiburgs auf der Johannisbrücke passierte
In der Mitte des vorigen Jahrhunderts ging eines Nachts ein Stadtbürger, namens Cugniet, über die kleine Johannisbrücke der Stadt Freiburg. Da hörte er auf dem nicht unweit liegenden Oelberg ein ausserordentliches Geräusch, wie das Schreien, Wehen und Schlagen der Fittiche grosser Raubvögel, von einem singenden Gesumse begleitet, das hin und wieder durch ein gellendes Gelächter oder liebesüsses Stöhnen unterbrochen wurde. Er lehnte sich an das Geländer der Brücke, und hörte diesem sonderbaren Auftritte zu, den er sich nicht erklären konnte, und der nur auf Augenblicke durch das Geplätscher und dem Wellenspiel der Saane unterbrochen wurde; auch schien es ihm, dass hin und wieder rotgelbe oder graugrüne Flämmchen flimmerten, die sich im Kreise schnell bewegten. Unversehens empfing der Neugierige eine äusserst derbe Maulschelle, wie von einer eisernen Hand, dass er vor Schmerz und Schreck "heiliger Joseph!" rief. Da stand plötzlich neben ihm eine ihm wohlbekannte vornehme Frau, welche einen Besenstiel zwischen den Beinen hielt, auf dem sie reitend in die Nacht davonflog und verschwand, nachdem sie ihm einen silbernen Becher, zum Pfand für seine Verschwiegenheit, geschenkt hatte.
C. Kohlrusch, Schweizerisches Sagenbuch. Nach mündlichen Überlieferungen, Chroniken und anderen gedruckten und handschriftlichen Quellen, Leipzig 1854.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch