Die bestraften Bergleute
Eine Stunde ob Amsteg, wo die Reuß in ein weites Tal eintritt, sieht man zwischen den kleinen Dörfern Intschi und Drachental, auf beiden Seiten des Stromes die Bergabhänge ganz mit Schutt von Felsen und Steinen bedeckt, woraus nur einzelne Bäume und Sträucher kümmerlich hervordringen. Vor nicht hundert Jahren befanden sich an dieser Stelle zwei Goldbergwerke; einige Männer aus der Umgegend hatten sie entdeckt und mit gutem Erfolg bearbeitet.
Das viele Gold aber war kein Glück für sie, denn sie fingen ein wüstes Leben an, und was in der Woche gewonnen ward, fraß der Sonntag. Eines Mals fanden sie einen reichen Fund, da gingen sie mitten in der Woche nach Amsteg ins Wirtshaus, machten am hellen Tag Türen und Läden zu und steckten Kerzen an. „Wir Berglüt“, sagten sie, „bruchet unsers Herrgotts Licht niememe!“ Dann aßen, tranken und spielten sie Tag und Nacht. Kaum aber waren sie wieder daheim im Bergwerk, so zitterten in derselben Woche plötzlich die Berge, und beide Gruben stürzten über den Gottlosen ein. Keiner von ihnen kam mehr zu Tage, und so brauchten sie freilich unsers Herrgotts Licht nimmermehr. Die Gruben aber liegen seitdem verschüttet und die Bauern scheuen sich wieder nach Gold zu graben.
C. Kohlrusch, Schweizerisches Sagenbuch. Nach mündlichen Überlieferungen, Chroniken und anderen gedruckten und handschriftlichen Quellen., Leipzig 1854.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.