Die Biene
Eine Gesellschaft von Jünglingen, die sich um die Mitternachtsstunde aus der Gemeinde Klein-Ftan in die von Groß-Ftan begaben, sahen, vom Mondscheine begünstigt, auf einer unweit der Straße gelegenen Wiese einen menschlichen Körper auf dem Boden liegen. Nachdem sie sich demselben genähert und ihn umgewandt hatten – denn das Gesicht lag gegen die Erde – erkannten sie in ihm ein armes altes Weib aus der Gemeinde Klein-Ftan. Da sie dasselbe für tot hielten, trugen sie es in eines der nahe gelegenen Häuser, und legten es in ein Zimmer, in welchem schnell Licht gemacht wurde.
Ganz betroffen über diesen unerwarteten Fund, sahen sie sich gegenseitig stillschweigend an, als sie in der ärmlichen Stube eine herumfliegende Biene wahrnahmen. Sie näherte sich der Leiche und flog in den offenen Mund derselben. Kaum war sie hineingeflogen, so schlossen sich die bleichen Lippen und die Alte richtete sich auf und mahnte die betroffenen Jünglinge, ihren Körper künftighin in Ruhe zu lassen, wenn ein ähnliches Ereignis zum zweiten Male mit demselben stattfinden sollte.
C. Kohlrusch, Schweizerisches Sagenbuch. Nach mündlichen Überlieferungen, Chroniken und anderen gedruckten und handschriftlichen Quellen., Leipzig 1854.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.