Der Gafarrabüel
Bei der Alp Gafarra in Rhätien ist ein Hügel, der Gafarrabüel genannt, ein Versammlungsplatz der Hexen. Oftmals in der Nacht hört man dort liebliche Musik, bei deren Tönen seltsame Gestalten, vom Scheine lustiger Feuer beleuchtet in luftigen Reigen auf und nieder schweben. Nicht selten nach solcher Nacht haben dann die Hirten auf diesem Hügel seidene Schuhe gefunden, welchen man auf den ersten Blick ansah, dass sie an zarten Frauenfüßen gesessen. Auch ein goldenes Hufeisen fand einstmals ein Hirt an seinem Fuße, was jedoch den andern Morgen in Kohlen zerfiel.
Diese nächtlichen Feste wurden vorzüglich von den Stiftsdamen des nahgelegenen Stifts Schänis besucht. Sie ritten auf Geißböcken zu denselben, daher der Gafarrabüel, obschon die Weide auf ihm nicht besonders fett ist, auch ein Lieblingsaufenthalt dieser Tiere ist, und mancher, von dem der Hirt ganz bestimmt weiß, dass er mit der Herde noch nie auf ihm geweidet, tut da so bekannt, als sei er schon hundert Mal dort gewesen.
C. Kohlrusch, Schweizerisches Sagenbuch. Nach mündlichen Überlieferungen, Chroniken und anderen gedruckten und handschriftlichen Quellen., Leipzig 1854.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.