Der Geiger Hans Jöri
Ein Sarganser Geiger, genannt „Giger Hans Jöri", ging spät Abends über den Rhein ins Liechtensteinische, wo er Morgens aufspielen sollte. Unter Balzers, es dunkelte tief, wurde er an der Straße von artig gekleideten Leuten beiseite gerufen und traf eine glänzende Gesellschaft. Man hieß ihn sich auf einer Bühne setzen, wo auserlesenes Essen und Trinken stand. Bloß bedeutete ihm ein Herr, er möge sich durch nichts beunruhigen lassen, auf nichts zu sehr achten und namentlich keine Gesundheit trinken. Das fiel ihm zwar auf; aber er schwieg, spielte auf und ließ sich's schmecken. Es wurde toll und bunt getanzt vor ihm; sein Trunk fehlte nie. Nur bekümmerte sich Niemand weiter um ihn, so dass ihn, trotz des Lebens am Ende langweilte, und er warm werdend und der Mahnung vergessend bei einem Trunke nach Gewohnheit in sich hinein sagte: „Gsundheit Hans! Gseg' ders Gott, Hans! Fürchts der nüt, so gschieht der nüt." Kaum über die Lippen, als Alles verschwunden war. Es ging gegen Morgen, und Giger Hans Jöri fand sich – auf dem Vaduzer Galgen sitzend, statt des silbernen Trinkbechers einen Kuhhuf in der Hand.
C. Kohlrusch, Schweizerisches Sagenbuch. Nach mündlichen Überlieferungen, Chroniken und anderen gedruckten und handschriftlichen Quellen., Leipzig 1854.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.