Der alte Schimmel
In den katholischen Alpen war und ist es noch meistens Sitte, dass jeden Abend an einer gewissen Stelle ein Hirt den Abendsegen laut ruft, damit nicht böse Mächte oder Unfälle der Herde schaden. Die Sitte ist uralt, ebenso die Rufe, die meist versartig sind, z. B. :
Bhüet Gott Alls
Vor d's Wolfen Zahn,
Vor d's Rappen Schnabel,
Vor d's Luchsen Biss, u. s. w.
Es nahm sich sonderbar aus, wenn man vor Zunachten solche Rufe sich von Alp zu Alp antworten hörte, um die unheimlichen Gewalten zu bannen. Der Rufer hatte dafür einen eigenen Käse als Lohn, den „Rufkäse".
Als dies einst im Sarganserland einen jungen Knaben traf, rief er unbesonnen zum Schluss: „Bhüet Gott Alls, as der alt Schimmel nit.“ – Mit Entsetzen aber sahen die Sennen am Morgen, aus der Hütte tretend, den unglücklichen Schimmel auf dem Dache liegen, ausgeschunden, kohlschwarz und lernten, mit Bittwünschen nimmer spotten.
C. Kohlrusch, Schweizerisches Sagenbuch. Nach mündlichen Überlieferungen, Chroniken und anderen gedruckten und handschriftlichen Quellen., Leipzig 1854.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.