Die Nidelgret
In einem Bergdorf lebte eine alte, wunderliche Frau. Ihr Häuschen stand etwas abseits zwischen einem Felsblock und einer struppigen Tanne. Sie hatte eine einzige Kuh, die sie am Wegrand oder auf der steinigen Wiese weiden liess. Das merkwürdige war, dass sie von diesem Tier so viel Rahm erhielt wie von einem ganzen Stall voller Vieh. Man nannte sie darum weitum nur die Nidelgret, und manche Leute behaupteten, sie treibe böses Hexenwerk. Ein junger Senn aus der Nachbarschaft hielt es zuletzt nicht mehr aus vor Neugier. Zu fragen wagte er natürlich nicht. Ein paar Mal strich er am Abend um das Häuschen herum, hörte aber nur ein undeutliches Gemurmel. Da passte er eine günstige Gelegenheit ab und schlüpfte in den engen Stall. Sobald er draussen Schritte hörte, kroch er unter die Krippe. Jetzt trat die Nidelgret herein. Sie stellte einen grossen Zuber vor sich hin und ein Krüglein mit Rahm daneben. Dann schwenkte sie die Hand langsam hin und her, indem sie murmelte:
Hexengut und Sennenzoll,
Von jeder Kuh zwei Löffel voll.
Kaum war der Spruch gesagt, quoll im Zuber bis an den Rand der schönste Rahm. Sie hob das volle Gefäss auf die Schulter und verschwand nebenan in der Küche.
Der Senn aber entwischte mit ein paar Sprüngen ins Freie. In einem fort wiederholte er die Worte, die er gehört hatte. Sobald er in seinen eigenen Stall kam, probierte er den Zauber aus, und siehe da, sein Zuber wurde ebenso randhoch mit Rahm gefüllt.
Nun war aber der Senn ein Mann, der nie genug bekommen konnte. Am nächsten Abend stellte er ein grosses Kessi bereit, änderte den Spruch ab und sagte:
Hexengut und Sennenzoll,
von jeder Kuh zwei Becher voll.
Sogleich stieg der Rahm, wuchs und schäumte in Windeseile bis hart an den Kessirand. Vergnügt über seinen Streich klatschte der Senn in die Hände und hüpfte von einem Bein aufs andere.
Eigentlich hätte er zufrieden sein müssen, doch jetzt packte ihn eine noch grössere Gier. Als wieder ein Tag vorbei war, schleppte er alle Gefässe heran, die er im Haus auftreiben konnte. Dann stieg er auf einen Schemel, schwang die Hände und rief:
Hexengut und Sennenzoll,
von jeder Kuh zwei Kübel voll.
Kaum gesprochen, da strömte der Rahm über den ganzen Stallboden, wuchs höher und höher, bis die Wände wankten. Barren und Fenster wurden bedeckt, und um ein Haar wäre der Senn elend ertrunken. Im letzten Augenblick konnte er, ganz in Rahm gebadet, durch ein Türlein in den Hof flüchten. Da sah er plötzlich die Nidlgret auf ihrem Hüttendach sitzen und hörte, wie sie mit lauter Stimme jauchzte:
Hexengut und Nidelfluss,
wer zuviel will, hat nichts am Schluss!
Menschen und Tiere, allen voran die Katzen und die Hunde, liefen herbei, um den schönen Rahm aufzuschlecken. Und wenn sie damit noch nicht fertig geworden sind, ja, dann schlecken und lecken sie gewiss heute noch.
Schweizer Sagen, Bd. 1, nach H. Herzogs von A. Büchli, Fassung Fritz Senft
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.