Die Seefluh
Die armen Seelen, denen um sündiger Erdentaten willen der Himmel verschlossen blieb, huschten alle nach der Seefluh, wo sie sich in einem verborgenen Winkel einnisteten.
Dann hörte man dort am Abend seltsame Rufe. Schatten glitten durch das dunkle Tannengrün, und darüber kreisten leichte Nebel, die sich auflösten, von neuem erschienen und sich jagten.
So durfte des Nachts kein Mensch die Iffigenstrasse benutzen. Denn man erzählte sich schauerliche Dinge, was mit einem vorgehe, wenn man mitten im Walde gerade unter der senkrechten Seefluh vorbeikomme. Und wer am Tage aus dem Iffigen nach der Lenk und wieder heim ging, der sputete hier seine Schritte und befahl Gott seine Seele.
Doch einst in einer rabenschwarzen Nacht wagte es ein beherzter Jüngling. Wacker schritt er aus und schwang dabei die Arme kräftig.
Als er mitten unter den Felsen war, schien es ihm, er höre jemanden niesen. Er schmetterte ihm ein jauchzendes: „Gott helf dir!" zu.
Der Felsen widerhallte.
„Darauf habe ich schon lange gewartet", fistelte es zirpend durch die Luft. Von nun an ist der Spuk verschwunden.
Quelle: Georg Küffer, Lenker Sagen. Frauenfeld 1916. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung, www.maerchenstiftung.ch