Der Wunderdoktor
Bei Grindelwald wohnte ein Männchen, das seiner Künste wegen bei den Talleuten nur der Wunderdoktor hiess. Bei seinen Zaubergeschäften schloss es sich stets in eine Kammer ein. Des Doktors Knecht, längst neugierig geworden, welcher Art die Künste seines Meisters seien, hatte durch die hölzerne Stubenwand ein Loch gebohrt, um diesen belauschen zu können. Eines Tages sah nun der Knecht, wie der Doktor eine weissköpfige Schlange mit der Hand fasste und in einen Kessel warf, dessen Wasser zu sieden anfing. Bald stieg ein weisser Schaum vom Rande auf und ballte sich zu einer schneeigen Masse. Als aber der Doktor während seiner Arbeit einmal schnell in die Küche nebenan ging, ohne die Türe hinter sich abzuschliessen schlüpfte der Knecht flugs in die Kammer. Hier strich er den Schaum, den er für wallende Milch hielt, leckte ihn fingerweise vom Rande hinab, schlürfte ihn hastig hinein und lief, als ob nichts geschehen wäre, hinaus auf die Matt, um dort zu mähen. Aber da sah er, wie jeder Halm und jedes Mattenblümlein sich draussen vor ihm bückte.
Quelle: Hermann Hartmann, Sagen aus dem Berner Oberland. Nach schriftlichen und mündlichen Quellen, Interlaken 1910.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.