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Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Der Gemsjäger und die Zwerge

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Kategorie: Sage

Im Guttannertale wohnte einst ein berühmter Gemsjäger. Er hatte schon so viele Grattiere geschossen, dass die Leute die Zahl im Dorfwirtshaus mit feurigem Eisen im Balken eingebrannt hatten. Unüberwindliche Mordlust trieb ihn immer wieder in die Berge. Einst stellten ihn die Erdmännlein auf seinen gefährlichen Wegen. Sie baten ihn, von seinem verderblichen Treiben zu lassen und versprachen ihm für den Fall, dass sie ihn nie wieder auf gleichem Wege treffen würden, für jede Woche eine Gemse. Er schlug ein und kehrte heim. Die Erdmännchen hielten Wort. Immer am Morgen des siebenten Tages der Woche fand der Jäger ein frisches Grattier am Türpfosten seiner Wohnung aufgehängt. Eine Weile liess er sich damit begnügen, dann erwachte die grause Mordlust wieder in seinem Innern. Er griff nach seinem Stutzer und ging aufs Neue auf die gefahrvolle Bahn. Niemals wurde er je von Menschenaugen wieder gesehen.

Quelle: Hermann Hartmann, Sagen aus dem Berner Oberland. Nach schriftlichen und mündlichen Quellen, Interlaken 1910. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.