Warum man ein Tälchen die Lenk heisst
In alten Zeiten kam übers Meer von Ägypten her ein ganzes Kriegsvolk nach dem Wallis. Es waren lauter Christen. Da aber die Walliser noch Heiden waren, töteten sie die Krieger. Ein einziger Mann entrann, der hiess Longinus. Lange irrte der Alte im Gebirg umher. Dazumal versperrten noch keine Gletscher die Höhen. Droben am Wallisberg, wo heute kein Gemsjäger mehr über das Eis fürbass mag, lag eine grosse Alp von hundert Rinderweiden, welche man gemeinhin Blüemliberg nannte. Dreimal des Tages konnten dort oben die Kühe gemolken werden. Über diese Alp herab kam Longinus, hungernd, dürstend, wund an den Füssen und vom Scheitel zur Sohle zerlumpt. Die Leute des Tales aber erbarmten sich seiner, nahmen ihn freundlich auf und gaben dem Flüchtigen Raum in ihren Hütten. Als er sich ihr Vertrauen erworben, lehrte er sie den Christengott kennen. Da konnten sich nun die Hexen und Strüdlen den Mund wischen und gehen. Das Gemäuer auf dem Burgbühl, das zu den Götzenopfern gebraucht worden, zerfiel. Die Leute waren im neuen Glauben glücklich geworden. Als aber Longinus starb, nannten die Leute das Tälchen in dem sie wohnten, in dankbarer Erinnerung an ihn, "die Lengg".
Quelle: Hermann Hartmann, Sagen aus dem Berner Oberland. Nach schriftlichen und mündlichen Quellen, Interlaken 1910.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.