Herr Kaspar und der Schultheiss
Eines Morgens ritt Herr Kaspar von Strättlingen aus seinem Schlosse. Nach Gewohnheit hatte er sich einen Strick an den Gürtel gehängt. Als er vor das Schloss kam, hörte er in der
Luft eine Stimme: "Den ersten Menschen, der dir begegnet, den sollst du mit dem Strick an deiner Lende erhängen!" Da er nun fürbass schritt, da begegnete ihm sein Schultheiss. Da sprach er zu ihm: "Schultheiss, du musst sterben!" Dieser erschrak heftig, fiel auf seine Knie und flehte um sein Leben. Herr Kaspar aber blieb hart und weigerte es ihm. Da nun der Schultheiss sah dass sein letztes Stündlein gekommen sei, sprach er: "Der allmächtige Gott ist gerecht und sucht den Missetäter heim. Ich habe diesen Tod wohl verdient, denn siehe, ich wollte heute, da man auf dem Schlosse die Messe gelesen hätte, heimlich gewaffnete Leute einlassen. Sie sollten tun, als wollten sie beten. Bei der Messe aber sollten sie dich niederstechen." Da erhängte Herr Kaspar den Schultheiss mit eigener Hand. Er erkannte aber, dass Sankt Michael sein Leben gerettet habe.
Quelle: Hermann Hartmann, Sagen aus dem Berner Oberland. Nach schriftlichen und mündlichen Quellen, Interlaken 1910. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.