Das Hardermannli
Als das Gotteshaus Interlaken auf der Höhe seiner Macht stand und kluge Pröbste seinen Besitz bis weit über die Tore Bern auszudehnen und ringsum den besten Alpbesitz in ihren Händen zu vereinigen verstanden hatten, als Fülle und Üppigkeit die Losung seiner Mönche geworden waren, verging auch der Ruhm der Frömmigkeit den dieses Kloster einst im ganzen deutschen Reiche besessen und welche selbst Briefe und Privilegien der Kaiser und Könige bezeugten.
Einst traf ein hoch am Harderberge lustwandelnder Mönch im Walde ein Unterseer Kind beim Holzsammeln. Er stellte ihm nach und jagte es den Waldweg entlang. Da sprang das verfolgte Mädchen in seiner Herzensangst über die furchtbare jähe Fluh hinaus und zerschellte in der Tiefe. Der Mönch aber wurde vom himmlischen Richter irdischer Untaten in Stein verwandelt und verflucht, unerlöst Jahrtausende lang zu der Stelle seines Verbrechens niederzuschauen. Noch heute zeigen die Kinder zum steinernen Antlitze über Interlaken, die Mütter aber lehren ihre Buben, wie Leidenschaften dem Menschen ein elendes Leben und ein schreckliches Ende bereiten können und wie die schrecklichen Strafen leiblicher und geistiger Verdammnis dem Übel folgen.
Quelle: Hermann Hartmann, Sagen aus dem Berner Oberland. Nach schriftlichen und mündlichen Quellen, Interlaken 1910. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.