Der Gemsjäger am Schreckhorn
Oft, wenn ein Gewitter im Anzuge ist, vernimmt man am Schreckhorn ein Knallen, ähnlich dem Krachen eines Schiessgewehres, worauf ein Rauschen und Stöhnen hörbar wird, nicht unähnlich dem Röcheln eines Sterbenden. Das ist der Geist Jonathans, eines wilden Grindelwaldner Gemsjägers. Trotz aller Abmahnungen konnte er nicht vom Wilden lassen. Einst, als er aus einer Gemsherde die schönste Fuhrgeiss herausgeschossen, schlägt ihn der Rückstoss seines Stutzens zu Boden. Dabei gleitet er über den Rand des Abgrunds und fällt in die Tiefe auf ein Fluhband wo er lebendig liegen bleibt. Er sucht sich zu retten. Umsonst! Unter ihm öffnet sich der Abgrund, über ihm die himmelansteigenden Felswände. In dieser verzweifelten hoffnungslosen Lage beschliesst er, seinem Leben ein Ende zu machen, die Büchse dazu hat er ja noch bei sich. Erst aber beschreibt er seinen hilflosen Zustand auf einem Stückchen Papier, das er über die Felsen hinaus in die Tiefe schleudert. Lange hernach erst wurde Jonathans Leiche und auch sein trauriges Brieflein gefunden.
Quelle: Hermann Hartmann, Sagen aus dem Berner Oberland. Nach schriftlichen und mündlichen Quellen, Interlaken 1910. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.