Die St.-Vinzenz-Nacht
Gegen die Lawinennot hatten unserer Vorfahren den hl. Vinzenz als machtvollen Beschützer. Ihm zu Ehren wurde sein Fest als Feiertag gehalten. Kein rechter Mensch arbeitet an diesem Tag.
In Lax wohnte einmal ein Schuster, der gerne im Wirtshaus sass und die Arbeit vernachlässigte. Einst sollte er auf den St.-Vinzenz-Tag ein Paar Schuhe abliefern, hatte aber im Wirtshaus so viel Zeit verloren, dass er nun in der Nacht arbeiten musste. Als ein Nachbar um Mitternacht an seinem Hause vorbeiging, hörte er den Schuster noch lustig drauflos hämmern. Er klopfte ihm ans Fenster und mahnte ihn, am St.-Vinzenz-Tage nicht zu arbeiten. Der Schuster aber lachte: «Vinzenz hin, Vinzenz her, die Schuhe müssen morgen fertig sein, und sollte mir der Heilige den Kopf umdrehen!» Lustig hämmerte er weiter.
In der gleichen Nacht brach oberhalb des Dorfes eine Wuhr los, stürzte sich aufs Dorf, riss das Haus des Schusters ein und ergoss sich ohne weiteren Schaden durch die Gassen. Am folgenden Tag grub man den Schuster, das Antlitz auf den Rücken gedreht, tot aus dem Schnee. Neben ihm lag ein fast fertiger Schuh.
LAX
Quelle: Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Josef Guntern, Olten 1963, © Erbengemeinschaft Josef Guntern.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch