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Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Die armen Seelen im Aletschgletscher

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Sage

Vor alten Zeiten ging einmal ein frommer Pater, der Professor war, mit seinen jungen Schülern in das Aletschtal spazieren, um den gewaltigen, ausgedehnten Gletscher zu bewundern. Kaum hatten sie ihn betreten, machte der Pater halt und wollte auch den Studenten nicht erlauben, weiter vorwärts zu gehen. Als er um die Ursache gefragt wurde, soll er ihnen gesagt haben: «Wenn ihr wüsstet, was ich weiss, und sehen könntet, was ich sehe, so würdet ihr gewiss keinen Schritt mehr vorwärts tun.»

Die Schüler, noch neugieriger, fragten ihn wieder, was er denn sehe. Und er legte einen Finger auf den Mund, als wollte er ihnen Stillschweigen gebieten, und sagte mit halblauter Stimme: «Weil der Aletschgletscher voll armer Seelen ist.» Da aber einige Schüler darüber ungläubig den Kopf schüttelten, sagte er einem: «Komm hinter meinen Rücken, stelle deinen rechten Fuss auf meinen linken und schaue über meine Achsel auf den Gletscher hinüber!» Da sah dieser voll Entsetzen aus den blauen Gletscherspalten so viele Köpfe von armen Seelen emportauchen, dass man keinen Fuss hätte dazwischen setzen können.

NATERS

Quelle: Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Josef Guntern, Olten 1963, © Erbengemeinschaft Josef Guntern.

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch