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Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Der Waldbruder

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Sage

In Finnen oberhalb Eggerberg lebte vor vielen Jahren ein Waldbruder. Die Gemeinden Finnen-Eggerberg und Mund hatten sich verpflichtet, für seinen Unterhalt zu sorgen. Mit der Zeit weigerte sich die Gemeinde Finnen, der übernommenen Pflicht nachzukommen, und so zog der Waldbruder nach Gredetsch in eine Felsenhöhle. Dort, in stiller Abgeschiedenheit, nährte er sich mit Wurzeln und Heidelbeeren und diente Gott in Gebet und heiliger Betrachtung.

Eines Tages wurde dem Pfarrer von Mund angezeigt, der Waldbruder sei erkrankt. Schnell begab sich der Kilchherr zu ihm, versah ihn mit den heiligen Sakramenten, tröstete ihn und beschenkte ihn reichlich mit Lebensmitteln. «Herr Pfarrer», sprach der Bruder beim Abschied, «bemüht Euch nur nicht mehr, so weit hieher zu kommen. Ich werde meinen Tod schon anzeigen.» Der Pfarrer kehrte heim. Kaum war er wieder in Mund, fingen die Glocken im Turme der Pfarrkirche von selbst zu läuten an, wie an einem Festtag mit feierlichem Klang. Abends traf auch schon der Bote ein und meldete, der Waldbruder sei gestorben.

Noch jetzt heisst die Höhle in Gredetsch die Waldbruder- Schipfe.

EGGERBERG

Quelle: Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Josef Guntern, Olten 1963, © Erbengemeinschaft Josef Guntern.

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch