Die grosse Neugierde
Vor Zeiten wurde ein Ausserberger von seiner Gemeinde nach Sitten zu einem fahrenden Schüler geschickt, um von ihm eine Quelle oder einen Brunnen zu kaufen; denn sie hatte auf ihrem Berg grosse Wassernot. Der Schwarzkünstler gab ihm eine wohlgeschlossene Schachtel mit dem strengen Verbot, das er ja nicht darüber gehen solle bis an dem Ort, wo man die Quelle haben wolle.
Wie er nun bis zur Lenker Brücke gekommen war, da wandelte ihn eine solche Neugierde an, die Schachtel zu öffnen, dass er endlich das strenge Verbot vergass und hineinguckte. Aber kaum hatte er geöffnet, da flog ein grosser "Brummel" heraus, verschwand nicht weit davon in der Erde, und eine prächtige Quelle rauschte aus dem steinigen Erdreich hervor. Sie stürzte aber in kurzem Laufe, ohne jemand etwas zu nützen, in den Rotten. Wie mancher wünschte schon, wenn er diese herrliche Quelle aus den Felswänden oberhalb der Leuker Brücke an einem so nutzlosen Orte sah: Ach, hätten wir doch diesen Brunnen auf unserm dürren Berge!
AUSSERBERG
Quelle: Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Josef Guntern, Olten 1963, © Erbengemeinschaft Josef Guntern.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch