Teufel und Fluhblume
Die schöne Aurikel-Schlüsselblume (Linnes Primula Arioula) blüht an Felsen der Alpen und Voralpen und heisst darum in den Waldstätten Fluhblume. Nach Stalder nennt man sie im Entlebuch auch Badönikli, um Zürich Händscheli, im Aargau Bärenöhrli, in Glarus Florblümli und Fräulischlössli im Bündischen. Sie wachsen nicht selten an gefährlichen Stellen der Flühe, wo es Todesverachtung braucht, um ihnen nachzugehen. Kühne Jünglinge des Entlebuchs wählten sie deshalb früher gerne als Unterpfänder einer herzhaften Liebe und pflegten ihren Mädchen einen Strauss von Fluhblumen mitzubringen. Aber hie und da ist einer beim Pflücken zu tot gefallen.
Nun erzählte man sich in Unterwalden, der höllische Menschenfeind sei es, welcher diese lieblichen Kinder des Frühlings an die steilen, wilden Flühe hinaufgepflanzt habe und sie dem von unten auf Betrachtenden aus der Ferne noch viel schöner und einladender vormale, als selbe in Wirklichkeit seien. Er verlockt damit in Tod oder Unfall. Die Älteren unterliessen nicht, ernstlich ihre Söhne darüber zu belehren, auf dass sie nicht durch den falschen Zauber geblendet in Gefahr liefen.
Quelle: Alois Lütolf, Sagen, Bräuche, Legenden aus den fünf Orten Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug, Luzern 1865. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung, www.maerchenstiftung.ch.