Die an einen Faden gebundene Katze
Auf einer Alp im Kanton Uri fielen sehr viele Rinder - man sagt hier zu Lande „wurden geschlagen" - und niemand konnte den Grund hievon enträtseln, jedoch dachten die Leute an bösen Spuk. Hierüber wurde ein Geistlicher berichtet, welcher den Leuten die Zusicherung gab, dass er auf Abhülfe denken wolle. Darauf hin hörte die Rinderkrankheit auf, es wurde kein Rind mehr „geschlagen". Als nachher ein Mann auf diese Alp ging, traf er eine Katze an, welche an einen Faden gebunden war und bei seinem Erscheinen sich sehr schmeichelnd gebärdete und mit dem Schwanze recht freundlich tat. Dieser erbarmte sich des angebundenen Tierchens und liess es los, welches zu seinem Erstaunen auf der Stelle verschwand. Die vorige Krankheit trat wieder ein. In der Folge reiste derselbe nach Mailand, und als er dort durch die Stadt ging, rief jemand aus dem Fenster eines Hauses ihn hinauf. Er folgt dem Rufe und findet da eine Frau, welche ihm reichlich zu essen und trinken gab. Dann sagte sie zu ihm: „Ich war die Katze, die ihr auf jener Alp in Uri losgelassen habet."
Quelle: Alois Lütolf, Sagen, Bräuche, Legenden aus den fünf Orten Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug, Luzern 1865. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung, www.maerchenstiftung.ch.