Der Nachrichter
In der Gegend von Mainz lebte vor 1582 ein Nachrichter, der eine Person aus Luzern an ihm hatte. Sie fuhr mit ihm im Land herum, indem er sich für einen Arzt ausgab. Sie gingen einst an einem Hochgericht vorüber, wo eben ein Schelm am Galgen baumelte. Da zwang der Meister seine Begleiterin gebückt herzustehen, damit er auf sie tretend den Gehängten erlangen könne, um ihm Daumen und Zehen abzuschneiden.
Hernach kamen sie zu einem Bauern, der sich beklagte, es sei ihm viel gestohlen worden. War der Nachrichter bereit, ihm wieder zur Sache zu helfen. Dann hat er den Daumen des Gehängten angezündt, mit dem Dolch ein Kreuz auf die Erde gemacht und dabei etwas gesprochen. Dem Bauer ward das Gestohlene in der Tat zurückgestellt.
Ein ander Mal hat dieser Mann auf einem Kirchhof Holz ab einem Totenbaum geschnitten und ein Loch hindurch gebohrt. Sei zu vielen Sachen gut, habe er versichert. Besonders könne man durch dieses Loch hindurch sehen, welches böse Weiber, Unholdinnen, seien.
Er sei zuletzt in Mainz mit dem Schwert gerichtet worden.
Quelle: Alois Lütolf, Sagen, Bräuche, Legenden aus den fünf Orten Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug, Luzern 1865. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung, www.maerchenstiftung.ch.