Der Geist im weissen Kleid
Auf der Grenze zwischen Unterbäch und Bürchen wollten früher viele Leute einen Geist in weissem Kleide erblickt haben. Einzelne sahen ihn nur stehen, andern winkte er, von der Strasse hinaufzukommen.
Jetzt, das war anno 1909. Ich kam einst spät in der Geisterstunde von Unterbäch zurück. Es zog ein leiser Wind. Ich sass auf dem Maultier und kam bis auf die Grenze. Plötzlich hörte ich etwas, schaute hinauf und - richtig, der Geist im weissen Kleid stand da. Das Maultier ging keinen Schritt mehr weiter.
Ich dachte mir: «Ist etwas dort, was mir schaden will, schadet es mir auf alle Fälle. Jetzt gehe ich einmal hinauf, um diesen Geist anzureden!» Onkel und Tante hatten nämlich oft erzählt, wenn man einen Geist anrede, habe man vielleicht die Gnade, eine arme Seele zu erlösen. In dieser Meinung stieg ich vom Maultier ab und ging hinauf zum Geist.
Jetzt, was war es? Ein mächtiger Birkenstock, der auf einer Seite losgerissen war und sich im Winde bewegte. Die weisse Rinde war also das weisse Kleid, und das Bewegen der Rinde bedeutete das Winken, man solle hinaufkommen. So erklären sich viele Bozengeschichten.
BÜRCHEN
Quelle: Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Josef Guntern, Olten 1963, © Erbengemeinschaft Josef Guntern.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch