Der Strumpf auf der Achsel
An einem Winterabend sassen die Angehörigen der Familie in der Stube und erzählten sich Geschichten. Der Grossvater sass hinter dem warmen Ofen und betete den Rosenkranz.
Auf einmal hörten alle unter den Fenstern auf der Strasse ein abnormales Gebrumme. Weil es sie wunderte, gingen alle an die Fenster, um zu sehen, was da so spät daherkomme. Auch der Grossvater wollte mitsehen. Er bemerkte aber nicht, wie ihm ganz leise ein Strumpf auf die Achsel fiel, als er sich von seinem Sitz erhob. Die Strümpfe waren nämlich über dem Ofen aufgehängt und sollten dort trocknen.
Alle in der Stube sahen draussen eine lange Prozession unter ihren Fenstern vorbeiziehen. Lange kannten sie keine der Prozessionsgänger. Doch gegen Ende des Zuges kamen ihnen einige bekanntlich vor; solche, die vor kurzer Zeit verstorben waren. Der letzte, ein Mann ohne Kopf, war aber nicht zu erkennen. Er trug einen Strumpf auf der Achsel und ging allein, während die übrigen alle zu Paaren gingen.
Als die Prozession vorüber war und man sich umwandte, bemerkten alle, mit Ausnahme des Grossvaters, dass dieser einen Strumpf auf der Achsel hatte. Die Familie wusste sogleich, was das bedeutete.
TÖRBEL
Quelle: Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Josef Guntern, Olten 1963, © Erbengemeinschaft Josef Guntern.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch