Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Der Kropfbrunnen

Land: Schweiz
Kanton: Schwyz
Kategorie: Sage

Eine Viertelstunde ob dem Dorfe Steinen, nahe an der Landstrasse, fliesst ein kleiner vom Gebüsche fast ganz bedeckter Brunnen. Man sagt, wer von diesem Wasser trinke, der bekomme in Zeit von acht Tagen ganz sicherlich einen Kropf, und zwar wegen einer gewissen Tatsache, die ich jetzt erzählen will:

Einmal ist eine Weibsperson aus Wallis, welche mit einem ziemlich grossen Kropfe geziert war, nach Maria Einsiedeln gepilgert. Bei der genannten Stelle wurde sie so sehr vom Durste gequält, dass sie nicht mehr weiter zu gehen vermochte und sich auf den Boden hinwarf, wo gegenwärtig der Brunnen ist, um da nach Feuchtigkeit zu grübeln. Weil es Sommer und vor langer Hitze die Erde sehr troken und hart war, so besass die alte Pilgerin die Kräfte nicht, mit ihren Fingern ein Loch zu graben, und desshalb war sie genötigt, sich nach einem Werkzeuge umzusehen. Sie ging in das nahegelegene Haus, wo sie vom Besitzer desselben eine Schaufel bekam, mit welcher sie eine Quelle ausgrub, aus der sie dann ihren Durst zu löschen vermochte. So entstand der Brunnen, auf den von der Entdeckerin eine kropfmachende Kraft überging.

 

Quelle: Alois Lütolf, Sagen, Bräuche, Legenden aus den fünf Orten Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug, Luzern 1865. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung, www.maerchenstiftung.ch.