Die sprechende Rübe
Ein Mann ging auf seinen Rübenacker. Was wollte er dort? Er wollte eine Rübe aus der Erde graben. Was glaubt ihr, geschah auf dem Rübenacker?
«Hände weg!», sagte die Rübe. «Nie bist du zu mir gekommen und hast Unkraut gejätet! Nie hast du mir Wasser gegeben, wenn die Sonne heiss schien! Lass mich in der Erde und verschwinde!»
Der Mann schaute um sich. Neben ihm stand nur sein kleiner Hund, der ihn begleitet hatte. Der Mann sah sich noch einmal um.
«Ist da wer?», fragte der Mann.
«Da ist nicht wer», antwortete der kleine Hund. «Es war deine Rübe, die gesprochen hat. Hör gut zu, was sie dir sagt!»
Was tat der Mann? Er rannte. Er rannte und rannte und kam zu einem Bach. Dort sass ein Fischer und fischte.
«Warum rennst du?», fragte der Fischer.
«Soll ich nicht rennen?», keuchte der Mann. «Ich ging auf meinen Acker und wollte eine Rübe ausgraben. Und die Rübe sagte: «Lass mich in der Erde und verschwinde!»
Und mein Hund sagte: «Hör gut zu, was deine Rübe spricht!»
«Und? Deswegen brauchst du doch nicht fortzurennen», sagte der Fischer.
«Hat er die Rübe in der Erde gelassen?», fragte die Angel des Fischers.
Da rannte nicht nur der Mann, es rannte auch der Fischer. Sie kamen zu einem Busch, unter dem sass eine Frau und spielte auf ihrer Flöte.
«Wohin so eilig?», fragte die Frau.
«Meine Rübe sagte, ich soll sie in der Erde lassen», rief der Mann. «Und mein Hund sagte: ‹Hör zu, was die Rübe spricht!›»
«Und meine Angel fragte: ‹Hat er die Rübe in der Erde gelassen?›», rief der Fischer.
«Ist das alles?», fragte die Frau. «Wegen so was würde ich nicht wegrennen.»
«Glaub mir», sagte die Flöte, «wenn eine Rübe und ein Hund und eine Angel zu dir sprechen, würdest du auch rennen.»
Da rannten nicht nur der Mann und der Fischer, es rannte auch die Frau. Sie kamen zu einem Fluss, in dem ein Junge badete.
«Warum rennt ihr alle so?», fragte der Junge.
«Meine Rübe sagte, ich soll sie in der Erde lassen», rief der Mann. «Mein Hund sagte: «‹Hör zu, was die Rübe spricht!›»
«Und meine Angel fragte», rief der Fischer, «hat er die Rübe in der Erde gelassen?»
«Und meine Flöte sagte: ‹Du würdest auch rennen, wenn eine Rübe, ein Hund und eine Angel zu dir sprechen›», rief die Frau.
«Deswegen rennt ihr so?», fragte der Junge.
«Wundert dich das?», fragte der Fluss, in dem der Junge badete.» Da rannten nicht nur der Mann und der Fischer und die Frau, es rannte auch der Junge.Sie kamen ins Dorf. Dort sass der Bürgermeister auf der Bank vor seinem Haus.
«Was ist los, liebe Leute?», fragte er. Der Mann, der Fischer, die Frau und der Junge berichteten, was geschehen war. Der Bürgermeister hörte geduldig zu. «Das ist doch kein Grund, sich aufzuregen», erklärte er. «Geht alle heim und denkt nicht mehr daran.»
Als der Mann, der Fischer, die Frau und der Junge fortgegangen waren, murmelte der Bürgermeister vor sich hin: «Was den Leuten nur alles einfällt!»
«Nicht wahr?», sagte seine Bank. «Eine Rübe, die spricht! So was Dummes habe ich noch nie gehört!»
Da fiel der Bürgermeister vor Schreck von der Bank.
Aus: D. Jaenike, Pflanzenmärchen aus aller Welt, Mutabor Verlag 2020