Der gefrässige Wolf
Wie weit der Hexenglaube zur Zeit, als derselbe seine besten Blüten trieb, sich in Albernheit und Unsinn versteigen konnte, - zeigt unter vielen auch folgende Sage:
Die Leute von Gundis hatten einmal ihre grosse Not; in den Bergweiden überfiel ein gefrässiger Wolf die Schafe und verschmauste deren, besonders an Sonn- und Festtagen, viele. Alles Wachen, Jagen und Treiben des Wolfes half nichts: immer gingen neue Schafe verloren, die das Raubtier sollte gefressen haben. Man wusste keinen Rat mehr.
Da brachte man auf einmal, nach viel erlittenem Schaden, sehr klug heraus, dass der Richter des Orts, vermutlich ein nicht allgemein beliebter Mann, der Schaffresser sei. Dieser besuchte erst noch den vormittägigen Pfarrgottesdienst, bei dem er nicht wohl fehlen durfte, zog dann aus der Kirche kommend, während seine Gattin das Mittagessen bereitete, als Wolf gestaltet in den Schafberg und verschmauste da eines der besten. Er war aber schon wieder zu Hause, als sein Weib das Essen auf den Tisch stellte, welches er sich, um keinen Verdacht zu erregen, so wohl schmecken liess, als wenn er noch nichts gegessen hätte.
Vermutlich hat auch dieser angeklagte Richter auf der Folter die Untat eingestanden und darum den Feuertod nicht so unbillig erlitten.
Quelle: M. Tscheinen, P. J. Ruppen, Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Sagenfreunden, Sitten 1872.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch