Nim-Kuni
Es lebte einstmals ein Padischah. Der besaß sieben Frauen, aber keine Kinder. Ganze Tage lang grämte er sich deshalb. Eines Tages nun wurde er so traurig, daß er sich sogar zu Bett legte. Da klopfte ein Fakir an seinen Palast und bat um eine milde Gabe. Der Schah erhob sich und reichte ihm ein Almosen.
„Oh, Padischah“, sagte der Fakir. „Ich bin zu jedem Opfer für dich bereit, sag, weshalb bist du so traurig?“
„Ich habe sieben Frauen, doch keinen Sohn. Darum bin ich so traurig“, sagte der Padischah.
„Kornm mit mir“, sprach da der Fakir. Sie verließen die Stadt und kamen zu einem Baum. Der Fakir brach einen Zweig mit sieben Blättern und reichte ihn dem Padischah.
„Nimm diese Blätter“, sagte der Fakir, „und gib sie deinen Frauen. Jede soll ein Blatt essen.“
Der Padischah kehrte in seinen Palast zurück und gab jeder Frau ein Blatt. Doch da kam eine Maus gelaufen und knabberte von einem der Blätter die Hälfte ab.
Als nun die Zeit heran war, gebar jede der sieben Frauen dem Padischah einen Sohn. Nur die Frau, die das halbe Blatt bekommen hatte, gebar einen Jungen, der war nur halb so gross, wie die anderen. Sie nannte ihn Nim-Kuni.
Jahre vergingen. Die Söhne des Padischahs wuchsen heran und wurde stark und gross. Jedem der sechs Söhne schenkte der Vater ein Pferd, Nim-Kuni aber schenkte er eine Katze als Reittier. Die sechs Söhne erhielten Speere, um ihre Kraft, ihre Geschicklichkeit zu messen, NimKuni aber erhielt eine Spindel. Einmal erprobten die Prinzen ihre Geschicklichkeit. Doch keiner traf ins Ziel. Da ritt Nim-Kuni auf seiner Katze herbei, sprang unter den Pferden hindurch und traf mit seiner Spindel mitten ins Ziel. Da schämten sich die Brüder.
„Lauf uns nicht immer nach“, sagten sie zu Nim-Kuni. „Mach nicht immer das, was wir machen.“ Doch er gehorchte ihnen nicht. Wo sie hingingen, da ging auch er hin, manchmal auch ohne, dass sie es merkten.
Einmal ritten die Brüder auf die Jagd, Nim-Kuni wollten sie aber nicht mitnehmen. Er ritt aber trotzdem mit und versteckte sich mit seiner Katze unter einem der Pferd.
Als sie eine Weile geritten waren, bekamen sie Hunger. Sie kamen an einem Garten vorbei. Dort wuchsen hinter einem Zaun herrliche Melonen. „Wäre doch Nim-Kuni hier“, sagte einer der Brüder, „der würde durch den Zaun klettern und uns Melonen holen.“ Kaum hatte Nim-Kuni diese Worte gehört, da sprengte er mit seiner Katze hervor, kletterte durch den Zaun und holte Melonen. Die Brüder assen die Melonen, dann sprachen sie: „Jetzt reite aber nach Hause und komm uns nicht immer hinterher!“ Aber Nim-Kuni folgte ihnen auch weiterhin, immer unter den Pferden versteckt. So ritten und ritten sie und kamen endlich in die Steppe. Dort lebte eine alte Zauberin, die Menschenfleisch ass. Weil es schon Nacht wurde, mussten die Brüder in der Hütte der alten schlafen. Die Alte sagte: „Legt euch schlafen!“ Die Brüder fürchteten sich vor der Zauberin und flüsterten: „Wenn jetzt Nim-Kuni da wäre, würde er uns retten.“ Als Nim-Kuni die Worte gehört hatte, kam er hervor und sagte zur Alten: „Gib uns erst zu essen, dann gehen wir schlafen.“
Die Alte bereitete das Essen zu und als alle satt waren, sprach sie: „Legt euch jetzt schlafen!“ Da sprach Nim-Kuni: „Wir sind durstig. Hol uns erst Wasser in einem Sieb.“ Die Alte ging mit dem Sieb zum Fluss. Nim-Kuni aber rief seinen Brüdern zu: „Schnell, wir müssen fliehen!“ Sie eilten davon so schnell sie konnten, denn nicht lange, da merkte die Alte, dass man in einem Sieb kein Wasser holen kann. Als sie zum Haus kam und sah, dass die Gäste fort waren, sagte sie wütend: „Die haben mich reingelegt, aber ich werde sie einholen!“
Währendessen waren die sechs Brüder mit ihren schnellen Pferde wieder zu Hause eingetroffen. Nur Nim-Kuni war zurückgeblieben und die Alte holte ihn ein. Gerade als sie ihn packen wollte, kroch er in eine Höhle. Sie setzte sich vor das Loch und wartete, dabei schlief sie ein und Nim-Kuni nahm seine Spindel und tötete sie. Dann setzte er sich auf seine Katze und ritt nach Hause. Dort erzählte Nim-Kuni, wie er die Brüder vorm Tod bewahrt hatte. Der Padischah hörte staunend zu und lobte Nim-Kuni.
Von diesem Tag an durfte er stets zusammen mit seinen Brüdern reiten.
Märchen aus Afghanistan, ©Fassung Djamila Jaenike © Mutabor, nach: M. Lorenz, Afghanische Märchen, Leipzig 1985