Der Rat der Mäuse
Der älteste Feind der Maus ist die Katze. Einmal trafen sich deshalb die Mäuse, um sich gemeinsam zu beraten. Als sie alle beisammen waren, rief die erste Maus: „Die Katze tötet uns Mäuse. Was können wir dagegen tun?“ Gemeinsam überlegten sie, wie sie sich wohl am besten vor der Katze schützen könnten. Endlich hatte eine Maus eine Idee: „Lasst uns der Katze eine Glocke umbinden. Wenn sie kommt und uns fressen möchte, dann hören wir sie. So bleibt uns genug Zeit, um zu fliehen.“ Alle Mäuse waren mit diesem Plan einverstanden: „Ja! So machen wir es.“Nachdem sie den Rat beendet hatten, gingen sie nach Hause.
Dort sass der Grossvater der Mäuse. Er war zuhause geblieben und wartete gespannt auf die Entscheidung des Mäuserates. „Meine Kinder, was habt ihr beschlossen?“
Sie erzählten von ihrer Idee: „Wir wollen der Katze eine Glocke anziehen. Wenn sie in unsere Nähe kommt, so hören wir das Klingeln der Glocke und können rechtzeitig fliehen.“ Der Grossvater nickte nachdenklich. „Das habt ihr gut geplant, meine Kinder. Aber wer von Euch fängt die Katze? Und wer zieht ihr die Glocke an?“ Nun wurden die Mäuse ganz still vor Angst und flüsterten einander zu: „Das ist wahr. Wer soll sie für uns fangen?“ Niemand traute sich. Keine einzige Maus. So war der Rat der Mäuse am Ende vergebens.
Und bis heute gibt es in Eritrea eine Redewendung für einen Rat, der vergebens tagt und keine Lösung findet. Man sagt: „Es ist wie beim Rat der Mäuse.“
Märchen aus Eritrea, Fassung Anina Meile, nach: E. Littmann, Tales, Customs, Names and Dirges oft he Tigre Tribes, Vol. II, Leyden 1910, © Mutabor
In Eritrea, dem Land im nordöstlichen Afrika, sind Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung. Jahrelange Zwangsrekrutierung, grundlose Inhaftierung und die Unterdrückung von Minderheiten bringen Zehntausende von Menschen jedes Jahr dazu, den gefährlichen Weg der Flucht zu wagen.