Mutabor Märchenstiftung

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Der Holzsammler und die Hühnchentochter

Land: Jemen
Kategorie: Zaubermärchen

Vor langer Zeit lebte einmal ein Holzsammler mit seiner Frau. Er sammelte Holz und verkaufte es, sie melkte die Ziegen und Schafe und verkaufte die Milch an die Nachbarn. Davon lebten sie nicht schlecht. Nur eines fehlte ihnen: Sie hatten keine Kinder. Der Mann machte seiner Frau keine Vorwürfe, er wusste doch, wie traurig sie darüber war. Die Nachbarinnen aber nutzten jede Gelegenheit, um die Frau auszulachen: «Sieh nur, du hast keine Kinder und bist neidisch auf uns!» Die Frau litt sehr unter den bösen Worten. Was sie auch tat, immer hiess es: «Das tust du nur, weil du keine Kinder hast. Allah will dich sicher strafen.» Traurig ging die Frau in ihr Haus. Sie kniete nieder und flehte zu Allah: «Bitte, gib mir ein Kind, und wenn es nur ein Hühnchen ist.» Die Zeit verging, da brachte die Frau ein Hühnchen zur Welt. Sie freute sich sehr über ihre Hühnchentochter und ihr Mann freute sich mit ihr. Sie pflegte es wie ein menschliches Kind, sprach mit ihm und passte auf, wenn es mit den anderen Hühnchen hinaus auf das Feld ging. Je älter das Hühnchen wurde, umso weitere Wege ging es. Jeden Tag lief es weit hinaus zu einem Garten. Dort aber zog es sein Federkleid aus, schwamm im Wasserbecken, schlüpfte danach wieder in sein Federkleid und kehrte als Hühnchen nach Hause zurück.
Der Garten aber gehörte dem Sultan und eines Tages entdeckte ein Wächter das Mädchen beim Schwimmen. Er ging zum Sultan und erzählte alles. Dessen Sohn hörte zu und sprach: «Vater, lass mich gehen und schauen, ob der Wächter die Wahrheit erzählt». 
Am nächsten Morgen führte der Wächter den Sultanssohn in einen versteckten Winkel des Gartens. Bald sahen sie, wie das Hühnchen in den Garten kam, sein Federkleid abstreifte und bald darauf im Wasser schwamm. Nach einiger Zeit stieg es fröhlich aus dem Wasser, zog sein Federkleid an und verliess als Hühnchen den Garten. Der junge Mann aber hatte sich unsterblich in die Hühnchentochter verliebt. «Diese und keine andere will ich heiraten!», sagte er zu seinem Vater. Da schickte der Sultan Diener in das Haus des Holzhackers. Diese brachten ihre Bitte vor: «Der Sultan schickt uns. Sein Sohn will deine Tochter heiraten.»
Der Holzhacker sprach: «Wenn ich eine Tochter hätte, wäre es mir eine Ehre, doch ich habe nur ein Hühnchen als Tochter.»
«Der Sohn des Sultans will sie heiraten, auch wenn es eine Hühnchentochter ist», sagten die Gesandten. Da willigte der Holzhacker ein. Eine Brautgabe wollte er nicht. «Es ist mir eine Ehre», sprach er. 
So wurde ein grosses Fest gefeiert und der Sultanssohn nahm die Hühnchentochter zur Frau. Die Leute lachten über ihn, doch er wusste um das Geheimnis des Mädchens und lächelte nur.
Bereits am nächsten Tag aber war das Hühnchen verschwunden. Der junge Mann suchte es überall, bis ihm einfiel, dass es wohl im Garten war. Er ritt dorthin, versteckte sich wieder in dem geheimen Winkel, und tatsächlich badete das Mädchen wieder im Wasserbecken. Schnell nahm er das Federkleid und wies den Wächter an, es zu verbrennen.
Als die junge Frau aus dem Wasser stieg, suchte sie ihr Federkleid. «Mein Federkleid, wo ist mein Federkleid?», rief sie verzweifelt. Da trat der Sultanssohn hervor und sprach: «Dein Federkleid brauchst du nicht mehr, denn ich liebe dich über alles.» Da lächelte sie und die beiden umarmten sich. Nun liess der Sultanssohn schöne Kleider holen und dann brachte er die junge Frau zurück in den Palast. Wie staunten alle, als sie die Schönheit der jungen Frau sahen! Der Sultan liess ein Freudenfest feiern, zu dem auch die Eltern der Hühnchentochter eingeladen waren. Alle freuten sich, sangen, tranken und waren glücklich. Der Sultanssohn und die Hühnchentochter lebten im Glück bis an ihr Lebensende. 

 Märchen aus dem Jemen, Fassung Djamila Jaenike, nach: W. Daum, Märchen aus dem Jemen, Köln 1983, © Mutabor

Die Menschen im Jemen leiden seit 2013 unter dem Bürgerkrieg und der daraus folgenden Cholera. Rund achtzig Prozent der Bevölkerung sind auf Hilfe angewiesen. Neben Gewalt und Krankheiten ist der Hunger die grösste Bedrohung, doch Hilfsgüter erreichen die Notleidenden oft nicht.