Eine Frau für hundert Rinder
Es lebten einmal eine Frau und ein Mann. Sie hatten genau hundert Rinder und kein Kalb mehr. Eines Tages bekamen sie einen Sohn. Dieser wurde grösser und älter. Als er fünfzehn Jahre alt war, starb sein Vater und nur wenige Jahre darauf seine Mutter. Als die Trauerzeit um war, merkte er, dass er sich einsam fühlte und wünschte sich eine Frau. Darum ging er zu seinen Nachbarn und erzählte ihnen von seinem Wunsch. Diese hatten Verständnis und schickten einen Mann los, um ihm eine Frau zu suchen. Nachdem einige Zeit vergangen war, kam dieser zurück: "Ich habe dir eine Frau gefunden. Aber sie ist nicht aus unserem Dorf. Es sind etwa acht Stunden weg bis zu ihr."Der junge Mann fragte nach: "Wer ist denn dieses Mädchen? Wessen Tochter ist sie?"
"Sie ist das einzige Kind von Abdallah. Ihre Familie ist sehr reich. Sie haben sechstausend Rinder." Als er nun mehr über dieses Mädchen wusste, wollte er sie zur Frau haben. Darum schickte er den Nachbarn erneut los, damit dieser Abdallah die Nachricht überbringen konnte. Nach den Verhandlungen kam er zurück und berichtete dem jungen Mann von den Bedingungen für eine Hochzeit: "Er hat deine Worte gehört. Aber er möchte hundert Rinder als Brautschatz."
"Hundert Rinder? Ich habe nichts als hundert Rinder. Wovon sollen wir leben, wenn ich sie alle hergebe?"
Der Vermittler antwortete: "Ich weiss es nicht. Aber sag mir nun, ob du sie möchtest oder nicht." Der junge Mann dachte nach und sagte dann: "Ich bin einverstanden. Geh und sag, dass ich ihm meine hundert Rinder geben werde." Erneut zog der Vermittler los und alles notwendige wurde besprochen. Schon kurz darauf machte sich der junge Mann mit seinen hundert Rindern auf den Weg zu seiner Braut. Nach dem Hochzeitsfest gingen sie zurück ins Haus des Mannes. Zuhause dauerte es nur zehn Tage, da waren alle Vorräte aufgebraucht. Der junge Mann sagte: "Liebe Frau, nun haben wir nichts mehr zu essen. Vor der Hochzeit hatte ich Rinder, aber die habe ich alle für dich weggegeben. Ich werde darum zu unseren Nachbarn gehen und sie um etwas Milch bitten." So ging es von nun an jeden Tag.
Eines Tages stand die junge Frau vor der Tür. Da kam ein schöner junger Mann vorbei. Als dieser die Frau dort sah, wünschte er sich, er könnte sie verführen. Darum schickte er kurz darauf einen Boten zu ihr und überbrachte sein Begehren. Die Frau antwortete: "Ich habe die Botschaft gehört. Sag ihm, er müsse warten. Ich kann es jetzt noch nicht."
Nach drei Monaten wollte Abdallah seine Tochter besuchen. Diese war überrascht von seinem Besuch und sie setzten sich gemeinsam vor das Haus. Nachdem sie einige Worte gewechselt hatten, ging die Frau ins Haus und weinte. Im ganzen Haus hatte sie nichts, was sie ihrem Vater hätte kochen können. Verzweifelt lief sie aus der Hintertür. Im Hof sah sie den Mann, der sie verführen wollte. Er kam zu ihr hin und sagte: "Warum lässt du mich warten. Seit ich dich damals gesehen habe, kann ich kaum noch schlafen."
Die Frau dachte nach und antwortete dann: "Gut, ich will dich nicht länger quälen. Wenn du nach mir rufst, werde ich kommen. Aber zuerst brauche ich ein Stück Fleisch, damit ich für meinen Vater etwas zu Essen kochen kann." Sogleich machte sich der Mann auf den Weg und brachte kurz darauf ein Rindsviertel. "Hier, nimm das. Aber lass mich nun nicht länger warten." Die Frau ging mit dem Fleisch ins Haus. Der Verführer aber wartete bei der Hintertür, dass sie ihr Versprechen einlöst.
Die Frau ihrerseits zerteilte das Fleisch, gab es in einen Topf und begann zu kochen. Da kam ihr Mann nach Hause. Als er seinen Schwiegervater sah, erschrak er. Er ging zu seiner Frau und fragte sie, was sie denn koche. "Ich koche Fleisch." Der Mann war erstaunt und fragte sie, woher sie das Fleisch habe. "Ich habe es von den Nachbarn." Der Mann war traurig, dass er so wenig hatte. Aber dankbar für seine Nachbarn. Er wusch er sich die Hände und ging vor die Tür zu Abdallah.
Hinter dem Haus hielt es der Verführer nicht mehr aus und lief darum zur Vordertür. Dort traf er auf den Mann und den Schwiegervater, welche ihn zu sich hin baten. Zu dritt sassen sie nun zusammen und unterhielten sich. Da kam die Frau aus dem Haus. Sie stellte die Schüssel mit dem Fleisch zwischen die drei Männer und sagte: "Hier, ihr Dummköpfe! Esst." Ihr Vater war entsetzt und fragte: "Warum nennst Du mich einen Dummkopf? Erkläre mir meine Dummheit."
Sie sah ihn an und antwortete: "Du hast eine teure Sache zu billig verkauft."
"Was habe ich denn zu billig verkauft?"
"Mich. Du hast nur mich, kein anderes Kind. Aber du hast sechstausend Rinder. Trotzdem hast du mich für nur hundert Rinder hergegeben. Die hundert Rinder waren dir offenbar wertvoller als ich. Du hast etwas Teures für etwas Billiges hergegeben."
Der Vater sagte: "Du hast Recht, ich war ein Dummkopf."
Nun wollte auch der Mann wissen, was er denn Dummes gemacht habe.
"Du bist ein noch viel grösserer Dummkopf. Du hast hundert Rinder von deinen Eltern geerbt und kein Kalb mehr. Aber du hast sie alle gegeben, um mich zu heiraten. Dabei gibt es in deinem Dorf viele Frauen, welche du für einen kleineren Brautschatz hättest haben können. Dann hättest du nun noch Rinder übrig und hättest etwas zu essen."
Auch er nickte und sagte: "Du hast Recht, ich war ein Dummkopf."
Natürlich fragte auch der Verführer nach seiner Dummheit. "Du bist der Dümmste von allen. Du wolltest etwas, was hundert Rinder gekostet hat für einen einzigen Viertel Rind bekommen." Der Verführer sprang auf und rannte aufgebracht davon.
Abdallah blieb noch einige Tage bei seiner Tochter und seinem Schwiegersohn. Als er wieder zu Hause ankam, machte er die Rinder seines Schwiegersohnes los und schickte sie zurück. Dazu gab er auch noch zweihundert seiner eigenen Tiere. Nun konnte seine Tochter und ihr Mann ein gutes Leben führen, ohne noch länger in der Schuld der Nachbarn zu stehen.
Märchen aus Somalia, Fassung Anina Meile, nach: Carl Meinhof, Afrikanische Märchen, Jena 1917 © Mutabor
Somalia wird immer wieder von innerstaatlichen Konflikten mit bewaffneten Auseinandersetzungen erschüttert. Neben der anhaltenden Gewalt im Land ist die föderale Bundesrepublik Somalia häufig von schweren Hungersnöten betroffen. Allein zwischen 2010 und 2012 geht man von mehreren hundertausend verhungerten Menschen aus. Die Situation ist vor allem für Frauen und Kinder prekär. Somalia zählt mit über 1,12 Millionen Flüchtlingen weltweit zu den drei Herkunftsländern mit den meisten Menschen auf der Flucht. Zusätzlich gibt es 1,13 Mio. somalische Binnenvertriebene innerhalb der Landesgrenzen.