Sareban, der Kameltreiber
Es war einmal ein reicher Mann, der war Händler und brachte seine Ware auf seinen Kamelen von einem Ort zum anderen, um sie zu verkaufen. Einmal nahm er seinen kleinen Sohn mit auf die Reise. Doch unterwegs wurde die Karawane von Dieben überfallen. Schnell versteckte der Händler seinen Sohn in einer der Kameltaschen und versuchte dann, gegen die Diebe zu kämpfen. Doch diese waren stärker, nahmen ihm alle Kamele mitsamt der kostbaren Ware ab und liessen ihn gefesselt zurück. Während die Diebe davonzogen, hörten sie auf einmal ein leises Weinen und fanden schliesslich den kleinen Sohn des Händlers. Sie setzten ihn auf eine trächtige Kamelstute und ritten weiter bis zu einer Höhle, die sie als Diebesversteck nutzten. Sie teilten untereinander die Ware und die Kamele auf, doch was sollte mit dem Kind geschehen? „Nimm du ihn mit dir, dann hast du endlich einen Sohn“, sprach einer der Diebe zu einem anderen. So nahm dieser den Jungen mit. Von nun an musste sich der Junge jeden Tag um die Kamele kümmern, deshalb nannte man ihn Sareban, den Kameltreiber. Sareban mochte seine Kamelstute am liebsten und kümmerte sich hingebungsvoll um ihre Fohlen. So verging eine lange Zeit. Jeden Tag führte er die Kamele in die Wüste, setzte sich unter einen Baum und begann auf der Flöte zu spielen. Da kam ein Derwisch vorbei und fragte: „Weshalb spielst du so ein trauriges Lied?“
„Ach, ich vermisse meinen Vater, meine Mutter und meine Geschwister!“, sagte Sareban.
„Du könntest sie doch besuchen!“
„Ich weiss nicht, wo sie sind!“, rief Sareban aus und erzählte dem Derwisch seine ganze Geschichte.
Der Derwisch überlegte, dann sagte er: „Ich sage dir, was du tun musst: Steig auf die Kamelstute und lass die Zügel frei, sie wird dich nach Hause bringen.“
Daraufhin ging der Derwisch fort. Sareban aber bestieg sein Kamel und liess es gehen, wohin es wollte. Das Kamel lief viele Tage und Nächte. Endlich kamen sie zu einer Quelle. Das Kamel kniete nieder, um zu trinken. Sareban stieg ab und legte sich neben den Brunnen, um ein wenig zu ruhen. Als er aufwachte, sah er einen jungen Mann, der seine Schafe an der Quelle tränkte. Sie grüssten einander und der junge Hirte bewunderte die schöne Kamelstute. Auf einmal rief er aufgeregt: „Das ist ja unser Kamel? Hier, schau, da ist das Brandzeichen unserer Sippe! Hast du es etwa gestohlen?“
Sareban antwortete: „Aber nein, ich habe es nicht gestohlen. Es ist mein Begleiter und mein grösster Trost, seit ich von meinem Vater getrennt wurde.“
„Erzähl mir deine Geschichte“, bat der junge Hirte. Sie setzten sich und Sareban erzählte ihm alles, was geschehen war, seit die Diebe die Karawane seines Vaters überfallen hatten. Als er zu Ende erzählt hatte, sprang der Hirte auf, nahm Sareban in die Arme und sagte: „Du bist mein verlorener Bruder,“ und sie weinten vor Freude. So kehrten beide nach Hause zurück, Sareban in die Arme seiner alten Eltern und sogar das Kamel freute sich wieder zu Hause zu sein.
Märchen aus dem Iran, Fassung Djamila Jaenike nach: Mohammadreza Schams, Märchen jenseits der Gewässer, Teheran 2013. Aus dem Persischen übertragen von Banafshe Tabatabai. © Mutabor
Das historische Persien hat eine lange Geschichte mit grossem kulturellem Reichtum hinter sich. Nach der Gründung der Islamischen Republik Iran folgte Krieg und das Scheitern von Reformbemühungen; zudem nehmen die Umweltprobleme zu. Die Arbeitslosigkeit und Inflation sind hoch, auch wegen des stark theokratischen Regimes, das die politischen Freiheiten stark einschränkt und ethnische Minderheiten unterdrückt, zu denen etwa ein Drittel der Bevölkerung gehören, so dass Menschen zu politischen Flüchtlingen werden.