Das Pferd und der Tiger
Einmal weidete ein Pferd auf einer Wiese, als plötzlich ein Tiger auftauchte. Das Pferd erschrak und fürchtete um sein Leben, doch es liess sich nichts anmerken, und fragte den Tiger: „Ich kenne dich gar nicht, wer bist du?“
„Ich bin der Tiger, der König der wilden Tiere!“ brüllte der Tiger.
„Und ich“, sprach das Pferd mutig, „bin der König aller zahmen Tiere!“
Der Tiger wunderte sich, denn von diesem König hatte er noch nie gehört.
„Wie dem auch sei“, sprach der Tiger, „ich bin stärker als du!“
„Niemals!“, sprach das Pferd und begann mit den Hufen zu scharren. „Ich bin mächtiger als du, und wenn du mir das nicht glaubst, können wir unsere Kräfte messen.“
„Also gut“, meinte der Tiger, „doch wie sollen wir unsere Kräfte messen?“
„Siehst du diesen Stein hier?“, fragte das Pferd. „Wer aus diesem Stein Funken schlagen kann, ist stärker als der andere.“
Der Tiger war einverstanden. Er versuchte als erster Funken aus dem Stein zu schlagen und schlug mit seinen Tatzen auf den Stein. Doch kein einziger Funken war zu sehen.
Nun war das Pferd an der Reihe. Es drehte sich um und trat mit mit seinem beschlagenen Huf so stark gegen den Stein, dass die Funken in alle Richtungen flogen.
Kaum hatte der Tiger die Funken gesehen, dachte er bei sich: „Der König aller zahmen Tiere ist viel stärker als ich, lieber will ich fliehen!“. Ohne sich noch einmal umzublicken, sprang er davon und wurde auf dieser Wiese nie wieder gesehen.
Fassung Djamila Jaenike, nach: K. Reichl, Märchen aus Sinkiang, Düsseldorf/Köln 1986, © Mutabor
Der Ausdruck "Uiguren" meint die Vereinigung von mehreren indoeuropäischen und turkstämmigen Volksgruppen in Zentralasien. Die meisten leben in Ostturkestan, im Nordwesten Chinas. Als ehtnische Minderheit werden sie in Umerziehungslager gezwungen und sind ständiger Beobachtung, Unterdrückung und Diskriminierung ausgesetzt. Ihre eigene Kultur und ihre Traditionen drohen verloren zu gehen.