Die Grenzsteinträger
Die Buénous sind die gequälten Seelen von gierigen Männern, die Grenzsteine versetzten, um ihr Feld zu vergrössern und sich auf diese Weise Stück des Eigentums des Nachbarn anzueignen. Sie erscheinen wie Feuerwesen, sind über einen Fuss gross und dunkelrot. Anders als die Irrlichter, kann man ihren Körper sehen. Es ist von grösster Wichtigkeit, dass die Buénous, die Grenzsteinträger, nicht mit den Irrlichtern verwechselt werden; das wäre ein Fehler, der von einer einzigartigen Unkenntnis der Dinge in der Anderswelt zeugt. Meist schleppen die Buénous einen schweren Stein mit sich herum. Die Buénous sprechen, heulen, stöhnen, schlagen. Sie sind immer streitsüchtig und bösartigund laufen an alten Hecken hin und her. Früher hatte jede halbwegs bedeutende Hecke ihren Buénou. Dort, wo sie ihr Verbrechen begangen haben, ist der Ort ihres Leidens. Ihre Qual besteht darin, dass sie die frevelhaften Grenzsteine in ihren Armen tragen, die ganze Nacht um ein Feld laufen und wiederholen ständig kläglich schreiend: «Wo soll ich diesen Grenzstein setzen? Wo soll ich diesen Grenzstein setzen?»
Seit der Erfindung des Landvermessers ist die Zahl der Buénous auf dem Lande stark zurückgegangen, denn diese Herren mit ihren Instrumenten und Berechnungen haben die Macht, einen Grenzstein wieder an seinen Platz zu setzen, selbst wenn er seit mehr als dreissig Jahren verschoben ist. Erlöste Buénous werden durch niemanden ersetzt, ausser die Seele eines schlechten Geometers muss die gleiche Qual erleiden, was von Zeit zu Zeit vorkommen soll.
Wer einen Buénou sieht oder hört, darf ihn niemals verfolgen, verspotten oder gar beleidigen, denn ihre Rache ist furchtbar.
Eines Abends vor langer Zeit hatten sechs junge Männer im Weiler Les Albergeux bis spät in die Nacht bei den hübschen, leichten Damen gezecht. Als sie sich in der Dunkelheit auf den Heimweg machten, waren sie noch immer entzückt vom Lächeln der anmutigen Damen und etwas beschwipst vom guten Wein des Gasthauses. Auf der Höhe von Enney, am Fusse der Vudalla, sahen sie plötzlich einen grossen, rotglühenden Buénou, der durch die Hecken lief und verzweifelt den Schrei ausstiess: «Wo soll ich diesen Grenzstein setzen? Wo soll ich diesen Grenzstein setzen?»
Unwissend, wie die Leute auf dem Land damals waren, und durch ihre Trinkgelage noch verwegener geworden, antworteten die jungen Männer aus Albeuve ziemlich respektlos und zeigten auf ein bestimmtes Körperteil...
Der Buénou nahm diesen groben Scherz sehr übel und stürzte sich schäumend vor Wut auf sie!
Die Unvorsichtigen nahmen die Beine in die Hand und rannten davon. Aber wie kann man sich vor einem Buénou retten! In Sekundenschnelle wurden alle gleichzeitig geschlagen, gerollt, getreten, umgeworfen, an den Haaren gezogen und so fürchterlich durchgeschüttelt, dass sie beinahe ihr Leben verloren hätten.
Einer der sechs jungen Männer stammte aus Villars-sous-Mont und war höflich, klug, umsichtig und listig, wie alle Bewohner dieses Dorfes, die von jeher pragmatisch veranlagt waren. Er hatte nichts Anstössiges zu dem verärgerten Buénou gesagt und wurde deshalb auch nicht von ihm belästigt. Er erkannte die grosse Gefahr, in der sich seine Kameraden und vielleicht auch er selbst schwebten, und schlug geistesgegenwärtig ein grosses Kreuzzeichen, was den Buénou zur Besinnung brachte. Dieser, wahrscheinlich einer der verdammten Buénou, musste seinen Grenzstein fallen lassen, der mitten auf dem Weg stecken blieb. Dann verschwand er in einem feurigen Blitz und tauchte nie wieder auf. Die Stelle, an der er seinen Grenzstein fallen liess, heisst heute: "La Buêna". Das Traurigste und Erniedrigendste an der Geschichte war, dass ihre Mitbürger in Albeuve ihr Missgeschick nicht glauben wollten und behaupteten, die Männer von Enney hätten ihre Trunkenheit ausgenutzt, um ihnen eine Tracht Prügel zu verpassen, wie es in der guten alten Zeit üblich war.
Aber am Vorabend von Allerseelen fiel ein eisiger Schneeregen, während der Sturm die toten Blätter, in denen die Seelen der armen Verstorbenen oft Busse taten, von den Bergen in die Ebene und von der Ebene in die Berge trieb. Es war ein übles Wetter und sehr kalt. Oben an der grossen Hecke zwischen Lessoc und Le Buth lief ein Buénou entlang und weinte, wie er es schon seit zweihundert Jahren getan hatte.
Der gute alte Jean von Niclement war voller Mitleid und hatte den Mut, den Buénou anzusprechen, wohl wissend, dass derjenige, der einen solchen Geist erlöst und dessen Seele rettet, innerhalb eines Jahres sterben muss. Jean hielt seinen Rosenkranz in der Hand und hatte ein Fläschchen Weihwasser in der Tasche seiner Sennjacke. So wandte er sich an den verzweifelten Buénou, nahm respektvoll seine Mütze ab und rief: «Im Namen Jesu Christi, unseres Erlösers, und seiner Seligen Mutter Maria, wenn du eine gläubige Seele bist, dann halte an und sage mir, was dir fehlt.»
«Wirst du etwas für mich tun?»
«Ja, das werde ich.»
«Morgen früh, sobald der Hahn kräht, nimm deinen Stock und deine Jagdtasche, gehe zur Beichte ins Kloster von Broc, gehe in meinem Namen zur Kommunion und bete lange für mich. Einige meiner Gebeine liegen noch im Beinhaus. Wenn du sie mit Weihwasser besprengst, werde ich weniger leiden.»
Nach diesen Worten verschwand der Buénou.
Der alte Jean kehrte nach Hause zurück. Am nächsten Morgen, als der Hahn krähte, machte er sich mit den frommen Gemeindemitgliedern von Lessoc auf den Weg nach Broc. Wie in alten Zeiten beteten sie auf dem Weg den Rosenkranz für die Seelenruhe der Verstorbenen.
Jean beichtete und betete lange am Beinhaus für den Buénou der Weide von Gobalet und sprengte Weihwasser auf die Gebeine der Toten.
So verging einige Zeit. Am Vorabend von Mariä Verkündigung war es dunkel, es regnete, der Schnee schmolz, das Wasser tropfte in Bächen von den Dächern und der Wind tobte im Geäst der kahlen Bäume. Jean kehrte nach Hause zurück, nachdem er sein Vieh in der Boilletta-Scheune in der Nähe der hübschen Kapelle Notre Dames des Neiges versorgt hatte. Wie es der Brauch war, betete er auf dem Weg für die Toten. Zu seinem Erstaunen hörte er ein Stöhnen; es schien ihm, als riefe eine weinerliche Stimme seinen Namen. Da sah er den Buénou, der die Hecke entlanglief.
Der Alte liess Milchkanne, Kübel und Laterne stehen, lief zu der Erscheinung hin, nahm seine Mütze ehrerbietig ab und sagte: «Im Namen Jesu Christi, unseres Erlösers, und seiner seligen Mutter Maria, wenn du eine gläubige Seele bist, so halte an und sage mir, was dir fehlt. Bist du immer noch nicht erlöst und im Paradies?»
«Nein.»
«Hast du die Hoffnung, bald hineinzugelangen?»
«Das hängt von dir ab.»
«Was soll ich tun?»
«Wirst du es denn tun?»
«Ja, das werde ich.»
«So nimm morgen früh, sobald der Hahn kräht, deinen Stock und deine Tasche und geh ins Kloster von Broc. Beichte, nimm die Kommunion, bete lange für mich beim Beinhaus; einige meiner Gebeine sind noch dort! Besprenge sie mit Weihwasser, dann werde ich weniger leiden, und dann musst du auch lange für dich beten."
Am nächsten Morgen, als der Hahn krähte, machte sich der alte Mann mit den frommen Gemeindemitgliedern von Lessoc zusammen auf den Weg nach Broc. Alle gingen den Weg entlang und beteten, wie es Brauch war, laut den Rosenkranz für den Seelenfrieden der Verstorbenen. Er beichtete, ging zur Kommunion, betete lange am Beinhaus für den Buénou von Gobalet und besprengte die Gebeine der Toten mit Weihwasser. Noch länger aber betete er für sich selbst.
Wieder verging einige Zeit, der Frühling erwachte, die Schneeglöckchen öffneten ihre Blüten, einige Primeln schmückten schon die Wiesen und die Vögel suchten in den Hecken nach geeigneten Zweigen, um ihre Nester zu bauen und schliesslich kam der Donnerstag in der Karwoche. Nach mehreren Tagen harter Arbeit, die er damit verbracht hatte, die Weide von Montmaoz zu säubern, die Hecken instand zu setzen und die Hütte für den nächsten Alpaufzug, die Poya, herzurichten, ging der alte Jean auf dem Weg Richtung Niclement nach Hause. Auf dem Heimweg betete er für die Toten.
Zu seiner Überraschung hörte er hinter sich, oben auf dem der Weide von Gobalet, eine weinerliche Stimme, die seinen Namen rief. Er lief hin und fand den Buénou an der grossen Hecke stehen und weinen. Der Alte nahm respektvoll seine Mütze ab, seufzte und sagte: «Im Namen Jesu Christi, unseres Erlösers, und seiner seligen Mutter Maria, wenn du eine gläubige Seele bist, so sage mir: Bist du immer noch nicht im Himmel?»
«Nein.»
«Hoffst du, bald hineinzukommen?»
«Jean, das hängt von dir ab.»
«Was ist zu tun?»
«Jean, Urenkel meines Enkels, wirst du tun, um was ich dich bitte?»
«Ja, das werde ich.»
«Schwörst du beim Kreuz des Erlösers?»
«Ich schwöre.»
«So höre mir zu, Jean, mein Sohn. Das Feld, das du besitzt und das ich vor zweihundertzwanzig Jahren besass, gehört dir nicht zur Gänze. Inmitten meines eigenen Feldes bildete das Feld meines Nachbarn und Verwandten Wuély eine Enklave. Es wurde von einer hohen Hecke aus Haselsträuchern begrenzt, beides Dinge, die mir sehr missfielen. Daher wollte ich ihm die Enklave abkaufen. Er lehnte ab. Ich verlangte, dass er wenigstens die Hecke, die mich ärgerte, ausreissen sollte. Seine Frau Mariette lehnte das nicht nur ab, sondern erklärte mir, um mich zu verspotten, mich herauszufordern und mich aufzuregen, dass im nächsten Jahr die ganze Enklave eingesät würde und dass sie, wenn sie auch nur einen meiner Leute dort entdeckte, beim Grafen vorsprechen würde. Sie war eine entschlossene Frau und hätte es getan. Ich war so aufgebracht, dass ich nicht mehr schlafen konnte. Eine teuflische Idee hatte mich gepackt und ich war boshaft genug, sie in die Tat umzusetzen. Eines Abends hob ich auf dem Feld von Wuély eine Grube aus und setzte einen Grenzstein mit seinen beiden Zeugen ein; seine Oberkante lag nur wenige Zoll unter dem Niveau des Feldes. Die Grassoden, die ich entfernt hatte, legte ich sorgfältig zurück und drückte sie fest. Dann streute ich ein paar Handvoll Knochenmehl darauf und legte mich zufrieden mit meiner jämmerlichen Arbeit zur Ruhe. Dieser Grenzstein reihte sich in die Reihe der anderen ein, die Enklave von Wuély wurde mit ihm aufgehoben. Sieben Tage nach meiner Arbeit wäre es unmöglich gewesen, auch nur die geringste Spur davon zu sehen.
Herbst und Winter waren vergangen, der Frühling kehrte zurück und ich sah mit Vergnügen, dass Mariette Mist auf die Enklave bringen liess. An dem Tag, an dem Wuély und seine Arbeiter die Erde umpflügten, riss ich mit zwei Arbeitern den Teil der Hecke aus, der sich auf meinem Grundstück befand. Dabei beobachtete ich genau, was auf der Enklave vor sich ging.
Sie hatten drei Stunden lang gearbeitet, als ich einen von Wuélys Arbeitern rufen hörte: ‹Aber.... da ist ja ein Grenzstein!› Ein zweiter trat hinzu und bestätigte die Aussage des ersten. Wuély kratzte sich am Kopf. Meine Arbeiter eilten herbei. Der Stein wurde herausgehoben. Wuély drehte den Stein hin und her. Man untersuchte die Mulde. Man fand die Zeugen und prüfte sie ausführlich. Wuély war blass. Ich trat ebenfalls durch die Hecke und gab mich erstaunt. Ich liess meine Arbeiter sogar Zeit mit Zuschauen verplempern, und erkundigte mich scheinheilig, worum es sich handelte. Wuély erklärte es mir arglos. Ich antwortete ihm, dass schon mein Vater behauptet habe, dass sein Feld durch eine Unachtsamkeit eine Enklave in unserem Feld gebildet habe. Ein so alter Grenzstein, der in der Erde steckte, sei der Beweis dafür. Und alle waren überzeugt von dem, was zu sehen war. Stolz richtete sich Wuély vor mir auf und sagte: ‹Jean-Pierre, ich könnte mich dir widersetzen und auf Besitz- und Eigentumsrechte bestehen, die seit Menschengedenken gelten, aber da ich diesen Grenzstein entdeckt habe und dein Vater, der ehrlichste Mensch den ich kannte, versicherte, dass die Enklave, die durch mein Feld gebildet wurde, euer Eigentum sei, überlasse ich sie dir.›
Sofort ging er mit seinen Leuten davon.
In diesem Moment fühlte ich, wie sich eine schwere Last auf mein Gewissen legte. Trotzdem wagte ich es, das Land in Besitz zu nehmen und zu bewirtschaften. Es ist wahr, dass ich Wuély immer wieder eine sehr hohe Summe als Entschädigung angeboten habe. Aber ich wurde bestraft, wo ich gesündigt hatte, und seine Antwort war jedes Mal: ‹Da diese Enklave dein Eigentum ist, behalte sie. Ich weiss nicht, was ich mit deinem Geld anfangen soll, ich habe keinen Anspruch darauf, also behalte es.›
Mein Gewissen quälte mich. Jedes Mal, wenn ich Wuély sah – und das war an jedem Tag, da unsere Häuser nebeneinander lagen, rief mir eine gebieterische Stimme zu: ‹Gestehe dein Verbrechen und gib ihm sein Feld zurück.› Der unrechtmässige Besitz dieses elenden Stücks Land vergiftete die letzten Jahre meines Lebens. Schliesslich hielt ich es nicht mehr aus und machte mich eines Morgens auf den Weg zum Kloster.
Es wurde eine lange und schmerzhaft Prozedur, aber Pater Colin war unnachgiebig. Ich musste ihm versprechen, Wuély aufzusuchen und ihm zu sagen: ‹Da diese Enklave seit Menschengedenken deiner Familie gehört hat, hat mir mein Beichtvater gesagt, dass ich sie nicht behalten kann. Wenn du ihren Gegenwert akzeptierst, ist die Sache geregelt, wenn nicht, nimm sie sofort zurück und ich zahle dir sogar fünf Taler dafür, dass ich sie genutzt habe. Du wolltest kein Land, das mir gehört; ich will kein Land, das dir gehört, also nimm es zurück›.
Glücklich machte ich mich auf den Heimweg. Mir war ein grosser Stein vom Herzen gefallen. Ich wusste, Wuély war ein guter Mensch. Mein Gewissen würde endlich Frieden finden.
Doch leider ereilte mich vor meiner Rückkehr der unbestechliche Tod. Seitdem laufe ich an den Hecken entlang und verlange, dass man die Grenzsteine wieder so setzt, wie sie rechtmässig stehen müssen. Aber meine Söhne, Enkel und Urenkel säen und ernten, lachen und singen auf dem Feld, das meinen Namen Gobalet trägt, ohne sich um den zu kümmern, der an dieser Hecke vor Schmerzen stöhnt. Nie ein Gebet, nie eine Messe für mich! Das Urteil ist gefällt: Ich werde nicht in den Himmel eingehen, bis dieser unselige Grenzstein entfernt ist und diese Enklave, die du bearbeitest, ihren rechtmässigen Besitzern zurückgegeben wurde. Wirst du das tun?»
«Ja, das werde ich.»
«Morgen ist der grosse Tag der Erlösung, der grosse Tag der Vergebung. Sobald der Hahn kräht, geh zu deinem Nachbarn. Sage ihm, dass du ihm die Hälfte des Feldes in Gobalet gibst, um den Buénou zu erlösen, der weinend und jammernd an der Hecke entlangläuft... Ich flehe dich an, Jean, tu es!" Nach diesen Worten verschwand der Buénou.
Am nächsten Tag, die Sonne vergoldete gerade die Berggipfel, waren vier Männer auf dem Feld von Gobalet. Trotz des heftigen Widerstandes seines Nachbarn Piéro, der die Geschichte vom Buénou absolut nicht glauben wollte, teilte der alte Jean sein Feld in zwei Teile, setzte in Anwesenheit von zwei Zeugen neue Grenzsteine und deren Zeugen und übereignete seinem Nachbarn Piéro die Hälfte des Feldes.
Er kniete auf dem Boden und klopfte mit den Händen die Grassoden am vierten und letzten Grenzstein neben dem Weg fest, als die vier Männer hinter sich eine Stimme fröhlich singen hörten: «Gelobt sei Gott! Jean, nun komm mit mir!». Sie wandten sich um – niemand war zu sehen. Doch der alte Jean stiess einen tiefen Seufzer aus. Da sahen seine Gefährten, dass der Alte kniete, die Hände waren gefaltet waren, doch er war tot. Der erlöste Buénou hatte ihn mit in den Himmel genommen.
Nach: Marie-Alexandre Bovet, Légendes de la Gruyère, Lausanne, o. J. Aus dem Französischen übersetzt, und neu gefasst unter Mitwirkung von Christine Reckhaus © Mutabor, www.maerchenstiftung.ch