Die Glocke ohne Turm
Ganz in der Nähe von Grandval befand sich vor langer Zeit ein grosser See, der Lac d'Elay. Er war umgeben von Wald, grünen Wiesen und felsigen Hängen. Dort wohnte das kleine Volk in Felshöhlen und tanzte in Vollmondnächten um einen geheimnisvollen Stein am Seeufer.
Den Mönchen der Abtei von Grandval gefiel dies gar nicht. Schon bald planten sie, den See auszutrocknen, das damit gewonnene Land urbar zu machen, eine Strasse nach Vermes zu bauen und so auch das heidnische Volk zu vertreiben.
Einmal stieg einer der Mönche in ein Boot und ruderte auf den See hinaus. Er suchte nah der besten Stelle, an der man das Wasser ablaufen lassen könnte. Doch als er mitten auf dem See war, gab es ein lautes Krachen, und der Mönch verschwand mitsamt dem vielen Wasser in der Tiefe der Erde. Nur ein winziger Tümpel blieb übrig.
Manche sagen, das kleine Volk hätte bei dem Unglück die Hand im Spiel gehabt. Wer weiss.
Zum Gedenken an ihren Ordensbruder bauten die Mönche am Rand des schlammigen Seebeckens eine einfache kleine Waldkapelle mit einem Glockenturm. Darin hing eine einzige kleine Glocke. Drei Mal am Tag kam ein alter Prior und läutete sie zum Angelus. Hell und schön erklang sie im ganzen Gabiare-Tal zu Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen. Ihr sonntägliches Festtagsgeläut erfreute die Menschen weitherum.
Wie jedes Jahr am Abend des Gründonnerstags, so erzählt man sich, machten sich nach altem Brauch alle Glocken auf den Weg nach Rom. Kaum hatte der alte Prior am Gründonnerstagabend die Glocke geläutet, löste auch sie sich vom Turm und flog mit allen Kirchenglocken der Umgebung nach Basel. Von dort führte die grosse Münsterglocke die Glocken des Landes nach Rom. Am Ostersonntag dann mussten alle schnell zurückkehren, um rechtzeitig wieder in ihren Kirchtürmen zu sein. Die kleine Glocke aber flog langsam und vergass die Zeit. Als sie endlich im Tal ankam, war es zu spät! Es schlug zwölf und alle Glocken im Land stimmten in das Ostergeläut ein. Nur aus dem Glockenturm der kleinen Kapelle kam kein Ton. Als die kleine Glocke schon fast zu Hause war, kam ein Gewitter auf, Sturmböen trieben die Wolken vor sich her, der Wind riss Bäume um, und ein Blitz schlug in den Turm der kleinen Kapelle ein, so dass die Mauern ineinander fielen.
Von der Kapelle am See blieb nur eine Ruine übrig. Aber das Dorf Elay erinnert mit seinem deutschen Namen Seehof an diese Geschichte. Und man erzählt sich, dass heute noch in der Osternacht aus dem Gabiare-Tal ein zartes Glockengeläut zu hören sei. In Elay sagt man dann: «Das ist die Glocke der Waldkapelle, die klagt."
Fassung D. Jaenike, nach: «La cloche sans clocher», aus: Joseph Beuret-Frantz, Sous les vieux toits, Légendes et contes jurassiens. Porrentruy, 1949. Aus dem Französischen übersetzt, und neu gefasst unter Mitwirkung von Michèle M. Salmony Di Stefano © Mutabor, www.maerchenstiftung.ch