Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Der letzte Hexer

Land: Schweiz
Kanton: Jura
Kategorie: Zaubermärchen

Früher, wenn die Blitze die Dörfer im Jura erhellten und die eine oder andere Tanne in Feuer aufging, sagten die Leute: «Das sind die Hexen, die kreischen und mit dem Teufel toben und tanzen.  Tagsüber sind es brave Männer und Frauen, aber nachts streichen sie sich mit einer Salbe ein, sprechen eine Zauberformel und fliegen auf dem Besen zum Kamin hinaus zum Hexenball.»

Als wieder einmal ein schlimmes Gewitter über das Tal zog und der Hagel die Weinberge bei Clos Gauthier vernichtet hatte, wurde Abraham Beynon der Hexerei angeklagt. [MM1] Im Kerker gestand er unter Folter, der Teufel habe ihn unter dem Birnbaum bei La Gibolette in Richtung Larrus erwartet und mit ihm so starken Hagel gemacht, dass alle Weinstöcke vernichtet wurden. Der Teufel habe von ihm zudem verlangt, Böses zu tun. So hätte er einem Mann aus Diesse, der die Weinberge von Jakob von Olte pflügte, ein mit Fett bestrichenes Brot mit Zauberpulver gegeben, das gleiche einem kleinen Mädchen, das daraufhin starb. Am Johannistag aber, da sei er am Seeufer in Richtung Clos Gauthier unterwegs gewesen, als ihm der Teufel erschien und ihn aufforderte mitzukommen zum Hexentanzplatz. Dort hätte er mit allerlei Volk tanzen müssen, darunter Cornouillasse, die Frau von Jacques Baillis.

Nach diesem Geständnis wurde Abraham Beynon zum Tode verurteilt – und die Frau von Jacques Baillis ebenfalls. Als die Richter kamen, um ihn zum Henker zu führen, bat Abraham Beynon: «Bitte gewährt mir einen letzten Wunsch.»

«So sprich!»

«Ich bitte nur um ein kleines Stück Kohle.»

Der Wunsch wurde ihm gewährt, und ein Mönch brachte ihm ein Stück Kohle. Abraham Beynon zeichnete blitzschnell und mit geschickten Strichen ein prächtiges Pferd auf die weisse Wand des Gerichtsgebäudes in La Neuveville. Nichts fehlte diesem Pferd: feine Glieder, scharfes Auge, Zaumzeug, Sattel und Steigbügel. Kaum fertig mit der Zeichnung, schwang sich Beynon auf das Pferd, gab ihm die Sporen und galoppierte aus dem Saal auf und davon.

Seither hat ihn niemand mehr gesehen. Aber manchmal hört man heute noch auf den Strassen des Plateau de Diesse oder des Chasserai das Traben eines unsichtbaren Reiters.

Fassung D. Jaenike, nach: «Le dernier sorcier», aus: Joseph Beuret-Frantz, Sous les vieux toits, Légendes et contes jurassiens. Porrentruy, 1949. Aus dem Französischen übersetzt, und neu gefasst unter Mitwirkung von Michèle M. Salmony Di Stefano © Mutabor, www.maerchenstiftung.ch