Mutabor Märchenstiftung

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Die mutigen Frauen

Land: Schweiz
Kanton: Jura
Kategorie: Sage

Die Frauen der Pfarrei Saignelégier sitzen, anders als im ganzen Land, auf der rechten Seite der Kirche und haben Vorrang vor den Männern. Wie es dazu kam, erzählt folgende Sage:

Es war zur Zeit Karls des Kühnen, als die Hügel von Franquemont mitsamt der Burg von den Burgundern eingenommen wurden.

Angst und Schrecken zogen mit den langen Reihen von Reitern, Soldaten und Streitwagen durch das Tal des Doubs. Der Burgherr Claude de Franquemont, der immer gut zu seinen Leuten gewesen war, wurde vom feindlichen Heer gefangen genommen und verschleppt.

Von nun an beherrschten Raubzüge und Gewalt die Gegend. Die Höfe und Dörfer in der Nähe des Schlosses wurden geplündert.  Als es nichts mehr zu holen gab, fielen die Burgunder in Saignelégier ein. Sie stahlen Kühe und Schweine, das Fleisch aus dem Kamin, das Brot aus dem Kasten, den Wein aus dem Keller und verprügelten diejenigen, die ihren Besitz verteidigten.

Nach kurzer Zeit kamen sie wieder. Aber jetzt hatten die Dorfbewohner vorgesorgt. Sie hatten das Korn versteckt und die Tiere in den Wald getrieben.Als die Soldaten die Häuser, Ställe und Speicher durchsuchten, fanden sie nichts. In ihrer Wut nahmen sie drei Mädchen als Geiseln mit und ritten mit ihnen davon. Die Frauen verfolgten zornig die Soldaten und konnten zwei der Mädchen befreien. Das dritte aber, die Tochter des Bürgermeisters, wurde in die Burg gebracht, wo sich das Tor hinter ihr schloss.

In ihrer Verzweiflung holten die Frauen ihre Männer, die gerade bei der Heuernte waren, vom Feld. Unter der Dorflinde versammelten sich alle und die Bürgermeisterin rief: «Wir müssen meine Tochter befreien! Wie ist euer Plan?»

Der Bürgermeister schüttelte den Kopf und sagte: «Es ist hoffnungslos, die Soldaten sind stärker als wir.» Die anderen Männer nickten.

Da trat eine alte Frau hervor und rief: «Wer mutig genug ist, soll einen Knüppel nehmen und mir folgen!».

«Wohin?», wollte einer der Männer wissen.

«Auf die Burg von Franquemont!»

«Es ist zwecklos, bleibt hier!», sagten die Männer und warnten vor den Soldaten, vor den hohen Türmen, den Burgmauern, den Waffen und den Verliesen.

Da wurde die alte Frau ungeduldig, sie schwang ihren Stock und rief noch einmal:  «Kommt, folgt mir!»

Alle Frauen folgten ihr, bewaffnet mit Axt, Messer, Sicheln, Spießen, beschlagenen Stöcken, Hämmern, Gabeln, Eisenteilen oder der blossen Faust.

Als die Frauen durch Muriaux zogen, schlossen sich ihnen die Frauen aus diesem Dorf an, und im Wald kamen die Frauen der Harzzapfer dazu, die mit Harz gefüllte Eimer mit sich nahmen.

Sie besprachen ihren Plan, schlichen dann bis unter die Mauern der Burg, schlugen den überraschten Wächter nieder und erreichten die Zugbrücke. Die Wache schlug Alarm. Der Burgvogt erschien und rief: «Was wollt ihr Weiber hier?»

Da trat die alte Frau vor und sagte: «Gebt das Mädchen heraus, das ihr gefangen haltet.»

Als der Burgvogt aber nur lachte, griffen die Frauen an. Sie schlugen, hauten, stiessen mit ihren Waffen und Fäusten auf die Soldaten ein. Einige erreichten die Zinnen der Burg und schütteten das inzwischen zu heissem Pech erwärmte Harz über die Mauern auf die Soldaten. Bald schon flohen die Soldaten, die Frauen stürmten die Burg und fanden das entführte Mädchen.  

Müde, zerzaust und mit etlichen Wunden, kehrten die mutigen Frauen in ihr Dorf zurück. Allen voran die Alte, die das Schwert und den Helm des Burgvogts trug, die sie diesem abgenommen hatte. Die Frauen versammelten sich in der Kirche Notre-Dame de Saignelégier, um ein Dankesgebet zu sprechen. Sie setzten sich aber nicht wie üblich auf die linke Seite, sondern nahmen auf den rechten Bänken Platz, die sonst den Männern vorbehalten waren.

So kam es, dass die Frauen in der Pfarrei Saignelégier, anders als im ganzen Land, auf der rechten Seite der Kirche sitzen und bis heute Vorrang vor den Männern haben.

Fassung D. Jaenike, nach: «Femmes héroïques», aus: Joseph Beuret-Frantz, Sous les vieux toits, Légendes et contes jurassiens. Porrentruy, 1949. Aus dem Französischen übersetzt, und neu gefasst unter Mitwirkung von Michèle M. Salmony Di Stefano © Mutabor, www.maerchenstiftung.ch