Mutabor Märchenstiftung

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Das Zeichen der Quaste

Land: Libanon
Kategorie: Schwank
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Ein Mann und eine Frau waren frisch verheiratet. Der Alltag kehrte ein und der Mann ging jeden Tag in die Stadt zur Arbeit, während sich die Frau um das Haus kümmerte.

Doch abends kam der Mann oft schlecht gelaunt nach Hause zurück. Er war wütend und missmutig und jedes Wort verärgerte ihn. Bald hielt die Frau die schlechte Stimmung im Haus nicht mehr aus und fragte ihn: «Wie kommt es, dass du so oft schlecht gelaunt nach Hause kommst?»

«Ach, weisst du, bei der Arbeit gibt es so viele Dinge, die mich ärgenn und wütend machen, und dann komme ich eben mit schlechter Laune nach Hause.»

«Nun», meinte die Frau, «ich bin auch manchmal wütend und schlecht gelaunt. Wer weiss, was passiert, wenn wir beide am gleichen Tag missmutig sind. Du solltest mir ein Zeichen geben, damit ich weiss, wann du schlecht gelaunt bist, damit ich mich darauf einstellen kann.»

«Das ist eine gute Idee», sagte er. «Aber welches Zeichen soll ich dir geben?»

Früher trugen die Männer einen roten Fez mit einer langen schwarzen Quaste, die an der Seite herabhing. Also sagte er: «Jetzt weiss ich es: An den Tagen, an denen ich schlecht gelaunt bin, werde ich die Quaste von meinem Fez nach vorne hängen. Dann weisst du Bescheid und musst dir meine bösen Worte nicht zu sehr zu Herzen nehmen.»

«Das ist gut», meinte die Frau, «Und ich werde dir ebenfalls ein Zeichen geben. Wenn ich eine weisse Schürze trage, so weisst du, dass ich an jenem Tag schlecht gelaunt bin.»

Von diesem Tag an, schaute die Frau jeden Abend aus dem Fenster auf die Strasse. Wenn ihr Mann sich dem Haus näherte, konnte sie sehen, ob die Quaste seines Fez an der Seite herunterhing, oder vorne hin und her schwang, wie der Schwanz eines wütenden Elefanten. Hing sie nach vorne, so holte sie schnell ihre weisse Schürze und band sie sich um.

Kaum hatte der Mann das Haus betreten, sah er die weisse Schürze und wusste, dass sie schlecht gelaunt war. Da riss er sich zusammen und bemühte sich, seine eigene schlechte Laune abzulegen und den Abend friedlich zu verbringen.

Das ging einige Tage so, aber schliesslich fiel auch dem Mann auf, dass die Frau ihre weisse Schürze immer dann trug, wenn die Quaste von seinem Fez nach vorne hing.

«Liebe Frau, wie kommt es, dass du immer an den gleichen Tagen schlecht gelaunt bist wie ich?»

«Lieber Mann, Allah hat den Menschen Weisheit gegeben, aber die Wut vertreibt sie.

Wie wäre es, wenn du deine schlechte Laune hinter dir lässt, bevor du nach Hause kommst, so werde ich meine ebenfalls ablegen und wir können jeden Abend friedlich zusammen sein.»

Der Mann erkannte die Weisheit in den Worten seiner Frau und sagte: «Du hast recht, so wollen wir es machen.» Von diesem Tag an trug er seine schlechte Laune nicht mehr nach Hause und die Frau brauchte die weisse Schürze nicht mehr anzuziehen. So lebten sie  glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.

Fassung Djamila Jaenike, nach: “The Sign of the Tassel”, in S. P. Jamali, Folktales from the City of the golden Domes, Beirut 1965, © Mutabor.ch

Libanon liegt am Mittelmeer, grenzt an Syrien und Israel und hat seinen Namen von den weissen Gipfeln der Gebirgskette, die sich über 160 km parallel zur Küste erstreckt. Es ist das einzige Land im arabischen Raum, das keine Staatsreligion festgelegt hat. Dadurch ist es geprägt durch ein Nebeneinander zahlreicher Religionen, was auch in der Regierung repräsentiert wird. Auf Unabhängigkeit und drei Jahrzehnte Stabilität folgten Bürgerkrieg, Terroranschläge und Wirtschaftskrise. Dreiviertel der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Hunger und Arbeitslosigkeit beherrschen den Alltag. Libanon weist von allen Staaten der Welt die höchste Flüchtlingszahl auf. Grösstenteils vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflüchtete Menschen,  seit Herbst 2023 vermehrt Menschen aus Palästina.