Der Geist von Allières
In einem abgelegenen Haus nicht weit vom Fluss Hongrin hatte sich ein Geist niedergelassen. Niemand hatte ihn je gesehen, aber alle wussten, dass er da war, denn er brachte alles im Haus durcheinander. Die Köchin salzte die Suppe doppelt oder warf am Sonntagmorgen statt des Schinkens das Gebetbuch in den Topf. Der Sohn vertauschte das die Krawatte mit dem Strumpfband, der alte Vater trank ein Glas Öl statt des Enzianschnapses, und die Mutter steckte ihre Füsse in ein und dasselbe Strumpfbein, als wäre sie verhext.
Nachts hörte man manchmal jemanden hüpfen und springen oder gar trommeln, die Kühe muhten laut, ein Kalb riss sich los oder eine Tür ging von alleine auf und zu.
Am liebsten aber störte der Geist die Verliebten, wie den Knecht Colin und die Magd Louise. Kaum fanden sie einen Moment, um sich zärtliche Worte zuzuflüstern, ertönte plötzlich ein Schrei, und die beiden zuckten zusammen, als hätte man ihnen auf die Finger geschlagen, damit sie sich nicht berührten. Und wenn sie sich woanders treffen wollten, dann war bestimmt ein Baum im Weg, so dass einer zu spät kam.
Schliesslich hatten Colin und Louise genug. Sie gingen zum Pfarrer von Montbovon, um ihn um Rat zu fragen. Dieser kam, um den Geist zu vertreiben. Als er sich dem Hof näherte, begann es zu stürmen. Als er ein Gebet sprach, blitzte und donnerte es so laut, dass sich alle bekreuzigten. Als er jedoch sagte: «Bei Jesus Christus, unserem Herrn», hörte man einen durchdringenden Schrei und das Wasser im Hongrin spritzte hoch auf. Dorthin floh der Geist und versteckte sich unter einem schwarzen spitzen Stein. Bis heute hat er sein Versteck nicht verlassen und alle halten sich von diesem Teil des Flusses fern. Vor allem, darf man dort kein Wasser trinken, sonst könnte man den Geist verschlucken und ins eigene Haus bringen. Und wer will das schon?
Neu erzählt von Djamila Jaenike, nach: «L'esprit d' Allieres», in: J. Genoud, Légendes Fribourgeoises, Fribourg 1892. Eingelesen und aus dem Französischen übersetzt von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch