Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Geschichten aus den Sensler Alphütten

Land: Schweiz
Kanton: Freiburg
Region: Senseland
Kategorie: Sage

Das Leben der Sennerinnen und Senner ist arbeitsreich. Tag für Tag gilt es sich um die Tiere und das Käsen zu kümmern. Aber manchmal geschehen auch aussergewöhnliche Dinge und von diesen erzählen sie, wenn sie nach der langen Zeit auf der Alp ins Tal zurückkehren.

Einmal klopfte es nachts bei Unwetter an die Tür der Hütte auf dem Schönenboden. Die Senner öffneten die Tür und liessen eine arme Tagelöhnerfamilie herein. Sie teilten mit ihnen das Essen und wiesen ihnen eine Ecke zum Schlafen zu. Am nächsten Tag, als das Wetter mittags endlich besser wurde, machte sich die Familie wieder auf den Weg.

Am Abend bemerkte einer der Hirten, dass einige Kühe fehlten. Er machte sich sofort auf die Suche nach den Tieren, als er plötzlich ein Weinen und Stöhnen hörte. Er schaute sich um, konnte aber niemanden sehen. Als er seine Kühe gefunden und zur Hütte getrieben hatte, erzählte er den Sennen von seinem Erlebnis.

«Das Weinen und Stöhnen ist sicher ein Zeichen. Wer weiss, vielleicht waren die armen Leute, die bei uns übernachtet haben, keine Menschen, sondern Geister und wollten uns warnen.»

Die anderen wussten nicht so recht, was sie davon halten sollten, brachten aber alle Tiere in den Stall und legten sich dann unruhig schlafen. In dieser Nacht schneite es, und nur dank ihrer Vorsicht kam keines der Tiere zu Schaden.

Von derselben Hütte wird erzählt, dass einst Henri Neuhaus von Dirlaret, Rechthalten, seine Pferde suchte, die er über Nacht auf der Alp weiden liess. Er lief lange hin und her, ohne die Tiere zu finden und suchte schliesslich Schutz in der Hütte. Die Alpzeit war schon vorbei, die Sennen waren wieder im Tal, und so musste er selbst für Feuer sorgen. Er ass sein mitgebrachtes trockenes Brot und war ein wenig eingenickt, als er plötzlich einen kleinen alten Mann in der Sennentracht sah, der den Käsekessel über das Feuer hängte. Er goss Milch hinein und machte alle Schritte, die zur Käseherstellung nötig waren. Die ganze Zeit über sagte er kein Wort. Bei Tagesanbuch war er verschwunden.

Henri Neuhaus konnte die ganze Nacht nicht schlafen und kehrte im Morgengrauen nach Hause zurück. Seine Pferde standen wiehernd vor dem Stall. Er führte sie hinein, ging dann ins Haus und erzählte von seinem Abenteuer. Seit jenem Erlebnis mochte er keine Milch mehr trinken und keinen Käse mehr essen.

Auch Joseph Offner, der im Kloster von Planfayon, Plaffeien, geboren wurde, hatte etwas Sonderbares erlebt. Er war Hirte auf der Alp Birchera[MR1] , als er eines Nachts lautes Glockengeläut hörte. Verwundert fragte er sich, ob eine verspätete Herde auf dem Weg zu seiner Hütte sei und schaute aus dem Dachfenster, wobei er ein Bein auf das Dach stellte. Da sah er Männer, so schwarz gekleidet wie Raben, die sechzig Kühe mit grossen Glocken an seiner Hütte vorbeitrieben.

Am nächsten Morgen sah Joseph, dass das eine Bein, das er auf das Dach gestellt hatte, ganz schwarz und geschwollen war.

Tragischer endete das Erlebnis der Hirten in der Grutenhaus-Hütte. Sie hatten sich abends um das Feuer versammelt und begannen zu spielen. Als Einsatz hätten sie gerne eine Flasche Wein gehabt, und so wurde einer der Knechte nach Planfayon geschickt, um Wein zu holen. In der Zwischenzeit ging es in der Sennhütte immer lustiger zu. Einer zog sich eine Kuhhaut über und versteckte sich beim Brunnen, um den zurückkehrenden Knecht zu erschrecken. Bald erschien der Knecht, die Flasche Wein in der Hand.

Die anderen fragten: «Hast du das Kuhgespenst am Brunnen gesehen?»

«Ja», sagte der Knecht, «aber ich habe es zu Boden geschlagen.»

Erschrocken sprangen die anderen auf und gingen zum Brunnen, aber es war zu spät, der übermütige Senn lebte nicht mehr.

Seit dieser Zeit, so sagt man, erscheint der Verstorbene als Geist in der Grutenhaus-Hütte und warnt vor Seuchen und Unglück.

Neu erzählt von Djamila Jaenike, nach «Dans les chalets de la Singine», in: J. Genoud, Légendes Fribourgeoises, Fribourg 1892. Eingelesen und aus dem Französischen übersetzt von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch