Fekroune, die Schildkröte
Habt ihr schon die schönen Muster auf dem Rücken der Schildkröten gesehen? In diesem Märchen wird erzählt, wie es dazu kam: In einem Dorf am Rif lebte einst eine arme Frau. Sie arbeitete als Näherin, damit ihre Kinder nicht hungern mussten. Für die Reichen nähte sie Kaftane oder Djellabas aus kostbaren Stoffen. Die armen Menschen hingegen liessen sich ihre Kleider aus einfachen Stoffen nähen.
Von jedem Stoff behielt die Frau ein wenig für sich und nähte daraus Kleider für ihre Kinder. Sie setzte einen kleinen Stoffrest an den anderen, bis ein buntes Muster entstand.
Die Leute im Dorf wussten, dass sie Stoffe für sich behielt, aber solange sie nur von den Stoffen der Reichen nahm, störte sich niemand daran.
Doch dann wurde die Frau gierig und behielt immer mehr Stoffe für sich.
Einmal nähte sie für einen armen Bauern eine Djellaba. Weil sie viel Stoff behalten wollte, nähte sie die Tunika zu kurz, die Ärmel zu eng und die Kapuze so klein, dass sie nicht über den Kopf passte.
Der Bauer war schon alt, und als es Winter wurde und der Eiswind blies, konnte er sich nicht mit der Kapuze schützen. Seine Beine wurden eiskalt und schliesslich starb er in der Kälte.
Da wurde die Frau in eine Schildkröte verwandelt. Sie versteckt ihren Kopf unter ihrem Panzer, der mit den kunstvollen Mustern verziert ist, und an die Stoffstücke der armen Frau erinnern.
Fassung Djamila Jaenike, nach: E. Chimetti, Légendes Marocaines, Paris 1959, unter dem Titel «Fekroune, la Tortue» © Mutabor
Marokko liegt im Nordwesten Afrikas. Die Bevölkerung besteht mehrheitlich aus Arabern, die Politik und Verwaltung dominieren, sowie Berbern, deren Sprache Tamazight erst 2011 offiziell anerkannt wurde. Obwohl Marokko als eines der stabileren Länder der Region gilt, treiben hohe Arbeitslosigkeit, politische Repression, regionale Ungleichheit und Korruption viele Menschen aus Marokko zur Auswanderung. Zudem verschärfen Dürren und Wassermangel die Lebensbedingungen.